Kulturführer Mitteleuropa 2022 - Page 6

KÖRPERLICH

FRANCESCO BARBATI

Monumente der Berührung

Zwei Hände , etwas Ton und fertig ist der Abdruck . Mit ihrem sozialen Kunstprojekt setzen MEIKE ZIEGLER und IVÁN GÁBOR ein Statement gegen die Kontaktlosigkeit . FRANCESCO BARBATI sprach für INFO EUROPA mit den InitiatorInnen von Handshape über die Kunst des Händereichens .
Francesco Barbati ist freier Autor , Übersetzer und Redakteur u . a . für Cafébabel . Nach Grundstudien in Linguistik und Kommunikation studiert er aktuell European Studies and Management of EU-Projects in Eisenstadt .
Meike Ziegler und Iván Gábor wollen » Menschen durch greifbare Objekte in Echtzeit verbinden «.

Simpel und kraftvoll : Ein Händedruck verwandelt Fremde in Bekannte . Eine Geste , die innere Mauern einreißt . Meike Ziegler und Iván Gábor stellen das Symbol der Einheit in den Mittelpunkt ihres Projekts Handshape . Das kreative Duo führte ein soziales Experiment durch , bei dem sich mehr als 22.000 Fremde aus ganz Deutschland , Europa und der Welt begegneten . Aus diesen Begegnungen entstanden Handshapes , kleine Gebilde , die beim Händeschütteln aus Ton geformt werden . Die » Handabdrücke « wurden anschließend zu einem Monument zusammengefügt . Jeder Abdruck bekam einen Namen , ein Wort oder Thema , das die beiden Personen verbindet . Trotz Einschränkungen führten Ziegler und Gábor das Projekt auch im Sommer 2021 durch .

Wie kam es zu Handshape und was hat die Pandemie verändert ? Meike Ziegler : Ich hatte Handshape ursprünglich für die Feiern zur Wiedervereinigung Deutschlands 2018 entworfen . Als ich es im Senat vorstellte , meinten sie , es wäre passender für den 30 . Jahrestag des Mauerfalls . Also machten wir es für diesen Anlass . Schon damals hatte ich
© Handshape vor , dieses Ritual weit in die Welt hinauszutragen . Es ist ein Konzept , das man dorthin bringt , wo es gebraucht wird . Durch Handshape hatten wir das Privileg , viele Menschen zu treffen und mit ihnen zu sprechen . Menschen , deren Leben sich sonst niemals kreuzen würden .
Iván Gábor : Als wir Handshape 2019 ins Leben riefen , hatte ich keinen Zweifel , dass es ein Erfolg wird . Für viele ist es nicht selbstverständlich , sich mit Fremden zu verbinden . Wir alle haben unsere instinktiven Ängste . Aber ich merkte , dass sich diese Wahrnehmung nach den ersten Minuten änderte , sobald ein Gespräch begann .
MZ : Die Pandemie wirkte sich auf mein Leben und meine Arbeit aus . Wir alle scheinen derzeit müde und abgestumpft zu sein . Es gibt eine große Sehnsucht nach sozialen Ereignissen und ein Bedürfnis nach menschlicher Verbindung . Während der langen COVID-Pause gestalteten wir ein Buch , in dem wir die Handformen als Fossilien ausstellten . Ich fing auch an , online Kreativ-Workshops zu geben und Konzepte für das Humboldt Forum oder das House of One zu entwerfen . Ivan und ich verbrachten viele Stunden damit , uns zu unterhalten und zu verstehen , wie es weitergeht . Ich habe auch viel über mich selbst und die Kraft dieser Arbeit gelernt .
IG : Als Handshape im letzten Sommer wieder in der East Side Gallery stattfand , hatten 90 Prozent der Teilnehmenden kein Problem damit , sich die Hände zu schütteln . Das gab mir Hoffnung , irgendwann wieder zur Normalität zurückkehren zu können .
Meike , Sie bezeichnen sich selbst als kreative Alchemistin . Was können wir darunter verstehen ? MZ : Nachdem ich einige Jahre im Bereich Multimedia- und Internet-Branding gearbeitet hatte , verspürte ich einen Mangel an Bedeutung und den Drang , Menschen durch greifbare Objekte in Echtzeit zu verbinden . Ich bezeichne mich nicht als Künstlerin . Ich schaffe keine Kunst .
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