Kulturführer Mitteleuropa 2022 - Page 23

ÖFFENTLICH
tationsmonopol der Welt . Verblüfft stellen wir aktuell fest , dass selbst Hochgebildete rationale Erkenntnis auf die gleiche Stufe der Weltwahrnehmung stellen wie irrationalen Glauben . Das macht deutlich , dass das Pendel der Rationalität immer mehr zur Emotionalität ausschlägt . Auch die Medien unterliegen einem Transformationsprozess . Sie verloren ihre Stellung als VermittlerInnen einer konsistenten , auf soliden Recherchen basierenden Weltsicht . Als sensationsgeile AkteurInnen am hart umkämpften Medienmarkt büßten sie viel an Glaubwürdigkeit ein . Die Repräsentation von Öffentlichkeit traten sie an die – jedenfalls vordergründig – stärker auf Mitwirkung und Interaktion angelegten Sozialen Medien ab . In ihnen geben nicht mehr Fachleute die Inhalte vor . Alle können mitreden , Informationen weitergeben , Meinungen kundtun und zu Aktivismus aufrufen . Soziale Medien sind vielleicht die überzeugendste Ausdrucksform dafür , dass der Staat und seine Agenturen das Monopol der Weltinterpretation verloren haben . An ihre Stelle treten die BürgerInnen selbst , die Wahrheit , Schönheit und Richtigkeit kreieren bzw . sich in temporären Allianzen denen anschließen , die mit ihnen auf einer Wellenlänge zu sein scheinen .
Kultur auf neuen Bahnen
In all diesen Auflösungserscheinungen samt ihren zum Teil gefährlichen , zum Teil hilflosen Gegenreaktionen , platzt aktuell die nunmehr bereits zwei Jahre währende Pandemie als die wahrscheinlich größte gesellschaftliche Herausforderung nach dem Zweiten Weltkrieg . Spätestens die Auswirkungen der Pandemie haben gezeigt , dass nicht nur in Österreich eine tiefsitzende Verunsicherung entsteht . Diese speist sich einerseits aus der wachsenden und irgendwann nicht mehr aushaltbaren Komplexität der Lebenswelten und andererseits aus dem gebrochenen Versprechen des sozialen Aufstiegs durch Leistung und dem damit verbundenen Zusammenbruch des solidarischen Zusammenhalts . Der deutsche Soziologe Armin Nassehi spricht von einer » überforderten Gesellschaft «. Ein massenhaftes Aufbegehren gegen die herrschenden Verhältnisse , aus den verschiedensten Ecken , scheint nur zu logisch . Die frustrierten SkeptikerInnen , bei denen sich ein langjähriger Hass gegen Politik , Wissenschaft , Medizin , Medien , gegen Bildungseinrichtungen und auch gegen die Arroganz des Kulturbetriebs aufgestaut hat , finden endlich ein Ventil und
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schließen sich zu einer , wenn auch unheiligen , Allianz zusammen . Auch wenn die Bekämpfung der Pandemie im Moment alles andere überstrahlt , so lässt sich das wachsende Heer derer , die mittlerweile fast täglich gegen die Maßnahmen der Regierung demonstrieren , in zwei Richtungen lesen . Einerseits als Rückfall in kollektiven Irrationalismus und andererseits als gesellschaftlicher Emanzipationsprozess , der sich auf die Suche nach machbaren Zukunftsszenarien macht . Geht es nach den Erwartungen vieler junger Menschen , dann stehen wir heute vor der Aufgabe , Politik neu zu denken . Das Erproben von Mitbestimmungsmodellen wie BürgerInnenbeteiligung , neue Governance-Strukturen oder BürgerInnenräten steht für diesen durchaus optimistisch machenden Trend . Voraussetzung dafür ist die Wiederherstellung von Öffentlichkeit bzw . von öffentlichen Räumen , in denen Menschen ganz unterschiedlicher Hintergründe aufeinandertreffen , sich austauschen , verhandeln und Kompromisse schließen . Dem Kulturbetrieb könnte dabei eine wichtige Aufgabe zukommen . In Zeiten der Pandemie sehen wir vor allem die Zentrifugalkräfte am Werk . Die mindestens ebenso wirksamen Zentripetalkräfte werden unterschätzt . Und doch sind sie es , die bei der Deutungshoheit für ein besseres Morgen entscheidend sein werden . Eine solche , so lernen wir aus der Geschichte des Emanzipationsprozesses der letzten 50 Jahre , will nicht mehr als sakrosankt vorgegeben werden . In einer streitbaren Zivilgesellschaft muss diese von uns allen täglich neu erkämpft werden .
Weitere Informationen
Die Langfassung dieses Textes ist auf dem Blog des Autors nachzulesen : michael-wimmer . at / blog
Dr . Michael Wimmer ist Gründer und Direktor von EDUCULT , Vorstand des Österreichischen Kulturservice ( ÖKS ), Musikerzieher und Politikwissenschaftler . Er doziert an der Universität für angewandte Kunst Wien und arbeitet als Lehrbeauftragter am Institut für Kulturmanagement und Gender Studies der Universität für darstellende Kunst Wien sowie am Institut für Lehrer * innen- Bildung der Universität Wien . Seine Expertise umfasst die Zusammenarbeit von Kunst , Kultur und Bildung . Er war in der Expertenkommission zur Einführung der Neuen Mittelschule und berät den Europarat , die UNESCO und die Europäische Kommission in kultur- und bildungspolitischen Fragen .
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