Kulturführer Mitteleuropa 2022 - Page 22

ÖFFENTLICH

Schön , wahr , streitbar ?

MICHAEL WIMMER
Was heißt es für eine Gesellschaft , wenn alles an ihr nur mehr relativ erscheint ? Wenn Trennlinien verschwimmen und Etabliertes in Frage steht ? Der Politologe MICHAEL WIMMER kennt die österreichische Kulturlandschaft und schreibt über die Chancen und Gefahren in Zeiten des Umbruchs .

Als Heranwachsender in den 1950er und 1960er Jahren schien die Welt noch in Ordnung . Die zentralen Instanzen Familie , die Großparteien und der Staat samt seiner Vermittlungsagentur Schule , darüber hinaus die katholische Kirche und der Kulturbetrieb , gaben klare Weltbilder vor und verpflichteten zu verbindlichen Verhaltensregeln . Ich konnte damit nicht einverstanden sein und versuchte , dagegen aufzubegehren . Und doch lag über der gesamten Gesellschaft eine rigide Eindeutigkeit von richtig und falsch , gut und böse sowie schön und hässlich , der sich kaum jemand zu entziehen vermochte . Der Staat verfügte über die » richtige « Kultur , die durch Kultureinrichtungen repräsentiert wurde . AbweichlerInnen wurden mit Gesetzen sanktioniert , die dafür sorgen sollten , eine für alle verbindliche österreichische Kultur in der Bevölkerung durchzusetzen . Zu ihrer Verbreitung gab sich der Staat einen Erziehungsauftrag , der die » Kulturlosen « mit der staatlich verordneten Kultur vertraut machen sollte . Nicht zuletzt , um damit die Bemühungen zur nationalen Identitätsbildung zu unterstützen . Diese » Leitkultur « wurde erstmals in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre hinterfragt . Damals traten vor allem junge Menschen zunehmend öffentlichkeitswirksam auf den Plan , um sich dem staatlich verordneten Sog des einzig Richtigen , Wahren und Schönen entgegenzusetzen . Aus dem Geist der ausgegrenzten Subkulturen der 1960er Jahre erwuchsen nach und nach Alternativbewegungen , die Anspruch auf eine eigene Interpretation der Welt gegen jene des Establishments erhoben . So bildeten neue Kulturinitiativen den Nukleus der Infragestellung einer rückwärtsgewandten Kulturpolitik , die sich weigerte , von ihrem paternalistischen Selbstverständnis abzurücken und alles tat , um kultureller Selbstermächtigung entgegenzuwirken .

Monopole am Ende
Damit einher ging seit den 1980ern ein Diskurs , der die Künste als gemeinschaftsstiftender Faktor in Frage stellte . Beschrieb der italienische Philosoph und Schriftsteller Umberto Eco noch eine Tendenz in Richtung » offenes Kunstwerk «, so sprach der US-Amerikaner Arthur C . Danto gleich vom » Ende der Kunst «. Beide folgten der Entwicklung der Avantgarde des 20 . Jahrhunderts , die in ihrem Kampf gegen die Hermetik des Kulturbetriebs die Auflösung des etablierten Kunstbegriffs immer weitertrieb . Am Ende landeten sie bei der Aussage , dass im Prinzip alles Kunst sein kann . Damit wurde eine gesicherte Trennlinie zwischen Kunst und Nicht- Kunst eliminiert , was bei Nichteingeweihten für Ratlosigkeit sorgte . Ähnliches trifft auf den Wissenschaftsbetrieb zu . Eine der Ursachen für seine tendenzielle Entwertung liegt darin , dass – wie in den Künsten – schon lange vor der Pandemie ein Relativierungsprozess einsetzte . Wissenschaft verlor das aufklärerische Interpre-
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