Kulturführer Mitteleuropa 2022 - Page 20

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Route neu berechnen

MÁRTON MÉHES
Was tun , wenn eine Wanderausstellung vor geschlossenen Grenzen steht ? Mit den Absagen von physischen Events wuchs das Projekt Kunst am Strom über sich und die Grenzen der analogen Welt hinaus . Ein Bericht von MÁRTON MÉHES .

Alles hat so gut angefangen : » Das internationale Kunstprojekt ‚ Kunst am Strom ‘ führt Kunstpositionen , KünstlerInnen und KuratorInnen aus dem Donauraum zusammen (…). Ziel des Projekts ist der Dialog von verschiedenen Kunstpositionen aus den Donauländern , die in einer Wanderausstellung (…) in acht Städten der Region gezeigt werden . Darüber hinaus werden sich KünstlerInnen und KuratorInnen aus Deutschland , Österreich , der Slowakei , Ungarn , Kroatien , Serbien , Rumänien und Bulgarien im Rahmen von Symposien begegnen , sich austauschen und Netzwerke bilden .« Soweit ein Zitat aus der Projektbeschreibung , verfasst Mitte 2019 . Im Nachhinein merkt man dem Text ein gewisses Selbstbewusstsein an : Wir planen etwas und setzen es dann um – was soll da schon schiefgehen ? Nur wenige Monate später , im Mai 2020 , schlugen wir im Einführungstext zu unserem Ausstellungskatalog bereits ganz neue Töne an : » Angesichts der aktuellen Klimakrise und der Fragen der post-epidemischen ‚ Weltordnung ‘ ist der Donauraum mit der Herausforderung konfrontiert , Vergangenheitsbewältigung und die Entwicklung von Zukunftskonzepten gleichzeitig voranzutreiben . Die historischen Erfahrungen aus dieser Region könnten dabei auch hilfreich werden . Wir müssen jetzt auf Innovation und Kreativität setzen .« Unser Selbstbewusstsein ist verpufft . An seine Stelle sind

© Aleš Rosa for PI2025
Dr . Márton Méhes (* 1974 ) ist promovierter Germanist , ehem . Direktor des Collegium Hungaricum Wien und arbeitet heute als Lehrbeauftragter der Andrássy Universität Budapest sowie als internationaler Kulturmanager in Wien . Seine Schwerpunkte sind Kulturdiplomatie , europäische Kulturhauptstädte und Kooperationsprojekte im Donauraum .
Ausstellung in Košice ( Oktober 2021 )
© Projekt » Kunst am Strom « offene Fragen , Herausforderungen und eine ungewisse Zukunft getreten . Die Wanderausstellung Kunst am Strom , die auf viele Treffen , Grenzüberschreitungen , Eröffnungsevents und den persönlichen Austausch setzte , war in der Pandemie-Realität angekommen .
Unerwartete Blickwinkel
Von nun an kamen sich ProjektleiterInnen , KuratorInnen und KünstlerInnen wie ein Navigationsgerät vor , das die Route ständig neu berechnen muss , und dennoch nie ans Ziel kommt . Von den ursprünglich geplanten drei Ausstellungen konnten 2020 zwar immerhin noch zwei ( im Museum Ulm und auf der Schallaburg ) veranstaltet werden , allerdings mit erheblichen Einschränkungen . In Ulm fand sie ohne den großangelegten Kontext des Internationalen Donaufests statt , und auf der Schallaburg musste sie wegen des erneuten Lockdowns Wochen früher schließen . Ursprünglich hätte die Schau 2021 an weiteren fünf Stationen Halt gemacht – möglich war lediglich eine Veranstaltung in Košice im Herbst 2021 , unter Einhaltung strengster Hygiene- und Sicherheitsregeln . Mitte des Jahres 2021 war allen Beteiligten klar , dass das Projekt verlängert werden muss , was dann von den FördergeberInnen auch genehmigt wurde . Spätestens im Sommer hätten sich also alle zurücklehnen können , nach dem Motto » Wir sehen uns nach der Krise …« Doch bald stellte sich heraus , dass der Satz aus dem Katalog von allen Beteiligten ernst gemeint war : Wir müssen jetzt auf Innovation und Kreativität setzen . Im April 2021 fand ein Online-Symposium mit den KuratorInnen statt , um gemeinsam auf innovative , aber rasch und unkompliziert umsetzbare Austauschformen im virtuellen Raum zu setzen . Das Meeting funktionierte gleichzeitig als Ventil : KuratorInnen schilderten die Lage in ihren Städten und die teils dramatische Situation der jeweiligen Kunstszene . Im Mai folgte dann Studio Talks . Die KünstlerInnen wurden im Vorfeld gebeten ,
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