Kulturführer Mitteleuropa 2022 - Page 14

INTERAKTIV

ANITA GÓCZA

Ist das jetzt schon Zukunft ?

Für MARTIN BOROSS bietet die Pandemie eine Gelegenheit für den » kreativen Neustart im Gehirn «. Warum zeitgenössisches Theater neben guter Technik auch regionales Bewusstsein braucht , erzählt der ungarische Theatermacher im Interview mit ANITA GÓCZA .
Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf Ihre Arbeit ? Haben Sie eine digitale Revolution erlebt ? Wir alle mussten darüber nachdenken , ob es irgendeinen Aspekt unserer Arbeit gibt , der auf den Bildschirm übertragen werden kann . Für mich lautete die Frage : Können wir etwas auf dem Bildschirm erschaffen , können wir die Leute so sehr begeistern , dass sie ein Online-Theaterereignis statt Netflix wählen würden ? Ich habe das als eine Herausforderung angenommen , die neue Qualitäten , Dramaturgien und Ästhetiken hervorbringen kann . Wenn man sein Gehirn im kreativen Prozess nicht neu starten kann , führt das nur zu Kompromissen . Anfangs dachte man , dass es sich um eine vorübergehende Phase handelt , aber jetzt denken viele , dass vieles bleiben könnte .
Ob vorübergehend oder nicht , Ihre Premiere des Stücks Addressless führten Sie Mitte Januar 2022 im Rattlestick Playwrights Theatre in New York durch , als Online-Version . Wir haben im Januar des Vorjahres entschieden , diese Aufführung online zu zeigen . Damals dachten wir nicht , dass COVID in einem Jahr noch eine Rolle spielen würde . Das Hauptargument für die Online-Version war , dass wir so ein größeres Publikum als das in Manhattan erreichen wollten . Ein weiterer ausschlaggebender Faktor war , dass die Form der Aufführung eine immersive , interaktive Erfahrung ermöglicht , genau wie bei einem Computerspiel . Daher ist das Online-Format zu hundert Prozent dafür geeignet .
Während der ersten Welle der Pandemie wurde oft gesagt , dass kleine Theaterkollektive durch die Online-Streams ihr Publikum vervielfachen können . Ist das in Ihrem Fall passiert ? Ja , absolut . Letztes Jahr haben wir die Aufführung Ex Cathedra für zwei Plattformen entwickelt : Wir haben sie live im Theater gezeigt und sie auch online gestreamt . So konnten wir viel mehr Menschen erreichen . Uns war es auch wichtig , dass das Theater für Menschen , die auf dem Land leben , zugänglich wird . Aus den Statistiken ging hervor , dass viele im Ausland lebende UngarInnen die Online-Show gesehen haben . Und es gab noch einen weiteren Bonus : Die Online-Version wurde Teil einer ungarischen Theater-Streaming-Plattform , auf der man aus den Aufführungen einer Vielzahl ungarischer Theater auswählen konnte . Auf diese Weise konnten viele Menschen , die zuvor keine unabhängigen , experimentellen Aufführungen besucht hatten , daran teilhaben .
Ist so eine Streaming-Plattform auch auf internationaler Ebene vorstellbar ? Etwa eine Seite , die Theatererlebnisse aus ganz Europa anbietet ? Es wäre toll , wenn wir die Möglichkeit hätten , unsere Online-Aufführungen einem europäischen Publikum zu zeigen . Um auf die ungarische Plattform zurückzukommen : Wir waren die erste Gruppe , die englische Untertitel für den Stream gemacht hat . Aber man darf nicht vergessen , dass die Erstellung von Online-Versionen einer Aufführung eine Menge Geld kostet , auch wenn es sich nur um einen Livestream handelt . Dazu braucht es viele Kameras , Schnitt , Nachbearbeitung , Untertitel . Ich würde es begrüßen , wenn verschiedene europäische FördergeberInnen dies unterstützen würden .
Also erleben wir eine Umbruchszeit im Theater ? All das ist wieder eine Frage der Bewertung der gegenwärtigen Situation : Betrachte ich sie als etwas Vorläufiges oder nicht . Es könnte eine wichtige Lektion für Europa sein , zu lernen , in Zeiten der Wirtschaftskrise in kleineren Projekten zu denken , sich aktiv auf lokale PartnerInnen zu verlassen und das Publikum als Mäzen Innen zu betrachten , die sich an der Arbeit des Theaters
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