Kulturführer Mitteleuropa 2020 - Page 7

GEDENKPRAKTIKEN Einer von vielen umstrittenen Erinnerungsorten in Kyjiw: Das sowjetische »Denkmal der Völkerfreundschaft« wurde einst zum Gedenken an die Freundschaft zwischen den »Brudervölkern« der Ukrainer und Russen eröffnet. Nicht weit davon entfernt, in der Instytuts'ka Straße, hängt heute ein großes Banner mit der Aufschrift »Russland hat hier den Krieg begonnen«. Es wurde zum sechsten Jahrestag der Majdan-Ereignisse angebracht. Gedenken und Gegengedenken In der gesamten Ukraine finden auf Grundlage eines Präsidentenerlasses jedes Jahr zwischen dem 18. und 20. Februar Gedenktage statt: To- tenmessen, Informationsveranstaltungen, Blü- tenumzüge, das Leuchten der 107 »Strahlen der Würde« sowie das Anhängen von Papierengeln sind übliche Gedenkpraktiken, welche auch außerhalb der Ukraine ausgeübt werden.  Seit Ende 2019 versuchen einige AkteurInnen, die Himmlische Hundertschaft zu deheroisieren. In vorderster Linie steht Olena Lukasch, die bis InfoEuropa Februar 2014 Justizministerin der Ukraine war. Sie verortet Fehlerhaftigkeit in der HeldInnen- liste und kritisiert die künstliche Erschaffung des Mythos. So will sie die Namen jener, deren Tod sich nicht direkt mit den Schüssen am Maj- dan in Verbindung bringen lassen, aus den Rei- hen der Himmlischen Hundertschaft streichen. Die Forderung nach einer Einteilung in unter- schiedliche Opfergruppen hängt für Lukasch auch mit der Frage zusammen, inwiefern An- gehörige finanzielle Entschädigung und soziale Privilegien erhalten sollen. Mit dem Wechsel der politischen Elite könnte schließlich auch der 7