Kulturführer Mitteleuropa 2020 - Page 6

GEDENKPRAKTIKEN Die »Himmlische Hundertschaft« – ein ukrainischer Heldenmythos Mit den gewaltvollen Protesten im Zuge des Euromajdan etablierte sich in der Ukraine ein moderner Heldenmythos. Anna VRUBLEVSKA analysiert die Hinter- gründe und Formen des umstrittenen Gedenkens. Mit ihrem Gedicht über die »Majdankrieger« eta- blierte am 21. Februar 2014 Tetjana Domašenko die Bezeichnung Himmlische Hundertschaft. Am selben Tag nahmen tausende Menschen auf dem Majdan Abschied von den im Zuge der Proteste getöteten DemonstrantInnen. Be- gleitet von den skandierten Rufen wie »Ruhm der Ukraine – Ruhm den Helden« und »Helden sterben nicht« und gemäß den militärischen Be- gräbnisritualen mit der Nationalflagge bedeckt, zogen die Särge durch die Menschenmenge. Die DemonstrantInnen wurden so posthum zu hel- denhaften SoldatInnen der ukrainischen Sache stilisiert. In dieser Trauerzeremonie fanden sich auch viele christliche Rituale wieder. Dieser Tag läutete den Beginn des Majdan-Heldenmythos ein, welcher sich im Lauf der Zeit festigen sollte. Nach wie vor herrscht in der Ukraine enttäuschte Stimmung wegen ungenügender Ermittlungen zu den Todesfällen auf dem Majdan. Vereinfachte Erinnerung Zu HeldInnen werden ausschließlich Personen erklärt, die auf der Seite des Siegers gekämpft haben. Dieser für die Erschaffung eines Hel- denmythos so typische Aspekt kann auch in der jüngsten ukrainischen Geschichte beobachtet werden. Eine Umfrage der Autorin von Februar 2018 hat gezeigt, dass die gestorbenen Demons- trantInnen von den Befragten ausschließlich als HeldInnen wahrgenommen wurden, während ebenso gefallene Milizionäre als Täter gesehen werden. Dabei wird ausgeblendet, dass es auch gewalttätige Protestierende gab. Aufgrund ei- nes eigens verabschiedeten Amnestiegesetzes für Majdan-TeilnehmerInnen wurden diese je- doch von jeglicher Verantwortung befreit. Die Amnestie gilt nur in eine Richtung, betroffene 6  Sicherheitskräfte sind davon ausgeschlossen. Keiner der GesprächspartnerInnen möchte die Milizionäre in einer Reihe mit der Himmlischen Hundertschaft sehen. Auch irgendeine Form der Ehrung lehnten die Befragten ab. Wer auf ver- schiedenen Seiten der Barrikade gekämpft hat, scheint auch nach dem Tod unversöhnlich zu bleiben. Die Verehrung der Himmlischen Hundert- schaft nimmt unterschiedliche Formen an: Im ganzen Land wurden Straßen, öffentliche Plätze, Alleen und Gassen umbenannt. Einen wichtigen Erinnerungsort mit stets aktuali- sierten Informationen bildet das Internet. Auf literarischer, künstlerischer, musikalischer und filmischer Ebene gewinnen Requiems an Bedeutung. Für die Sakralisierung der gefal- lenen DemonstrantInnen setzen sich ukraini- sche Kirchen mit Ausnahme der Orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats ein. Neben den zahlreichen Gedenktafeln an religiösen und öffentlichen Gebäuden entstehen Kirchen und Kapellen, die der Himmlischen Hundertschaft gewidmet sind. Das beliebte Kreuz-Symbol deu- tet dabei auf die Opferbereitschaft und Stand- festigkeit der Majdan-HeldInnen hin und stellt eine spirituelle Verbindung zur Erlöserrolle Jesu Christi dar. Symbolische Denkmäler sind – mit Ausnahme des okkupierten Territoriums – über das ganze Land verteilt. In naher Zukunft soll auch der Majdan zum monumentalen Erinne- rungsort umgebaut werden. Gegenstimmen wollen jedoch die authentische Umgebung erhalten. Bis jetzt existiert in der Ukraine nur ein einziges Majdanmuseum, welches 2015 in Ivano-Frankivs’k eröffnet wurde. Daneben gibt es landesweit kleinere thematische Ausstellun- gen in Museen und Schulgebäuden. InfoEuropa