Kulturführer Mitteleuropa 2020 - Page 5

O STG A L I Z I E N tigen Boulevards und die kreative Atmosphäre nur unechte Kulisse wären. Trotzdem lebt man gerne für den Mythos. Und für HeldInnen stellt man Denkmäler auf. Eine zeitlang hat man in Lemberg sogar ernsthaft über ein Franz-Joseph- Denkmal nachgedacht. Man hat es aber dann doch beim Masoch-Café belassen. In Czernowitz, der Hauptstadt des ehemali- gen Kronlandes Bukowina, war man entschlos- sener. Dort steht in einer kleinen Parkanlage unweit des Stadtzentrums ein Denkmal für den österreichischen Kaiser, in dessen fast siebzig- jähriger Regierungszeit Lemberg und Czernowitz einen Aufschwung erlebt haben. Von demselben Bildhauer entworfen, weist er sogar eine starke stilistische Ähnlichkeit mit dem Lemberger Sa- cher-Masoch-Denkmal auf. umzustylen. Chmelnyzkyj, der sich Mitte des 17. Jahrhunderts in einem Standes- und Religi- onskrieg gegen Polen auf ein Bündnis mit dem russischen Zaren eingelassen hat, wurde in der sowjetischen Geschichtsschreibung das Ver- dienst zugeschrieben, das ukrainische Volk mit dem russischen »wiedervereinigt« zu haben. Aus unbekannten Gründen ist das Projekt nicht zustande gekommen. Die Sobieski-Statue war trotzdem schnell weggeräumt und nach Polen verschickt worden – noch bevor Lenin den Platz direkt vor der Oper einnahm. Neue Heldenzeit Nach dem Zerfall der Sowjetunion verschwan- den die Lenins und sonstigen KommunistInnen von der Bühne. Parallel zur k. u. k. Nostalgie ent- stand ein neues ukrainisches Heldenpantheon: Unabhängigkeitskämpfer, Nationalistenanfüh- rer, alte galizische Fürsten, Opfer der Euromaj- dan-Proteste. Auch der andauernde ukrainisch- russische Krieg im Donbas wird seine HeldInnen hervorbringen. Leopold von Sacher-Masoch hat mit der ak- tuellen politischen Entwicklung nichts zu tun. Mit Lemberg im Allgemeinen auch nicht wirk- lich viel. Er kam zwar 1836 in Lemberg zur Welt, wo sein Vater Polizeidirektor war. Doch bereits 1848 zog die Familie, die ein Haus in der Serbska Straße gegenüber dem heutigen Masoch-Café bewohnte, nach Prag um. 1870, als Sacher-Ma- sochs bekannteste Novelle »Venus im Pelz« ver- öffentlicht wurde, war für ihn das Kapitel Lem- berg längst abgeschlossen. Jede Zeit produziert eigene Helden, kann sich aber auch auf Helden aus der Vergangenheit zurückbesinnen oder andere von ihrem Podest stürzen. In Ostgalizien, das im 20. Jahrhundert nicht weniger als sechs Machtwechsel erlebt hat, war dies öfter der Fall. Das k. u. k. Pantheon ist in der Zwischenkriegszeit, als Ostgalizien ein Teil Polens wurde, verschwunden und durch die polnische Variante der Heldenverehrung ersetzt worden. Auch wenn die kurzlebige Westukraini- sche Volksrepublik nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und drei Jahre deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg denkmaltechnisch kaum Spuren hinterlassen hatten, fing die Sowjetuni- on nach dem Kriegsende sofort an, ihr eigenes Weltbild in Stein zu meißeln. Unzählige Lenins für jede Kleinstadt sowie Statuen von kommu- nistischen Funktionären und Schriftstellern wurden produziert, ideologisch »fremde« Hel- den verschwanden dagegen aus dem Stadtbild. Dieses Schicksal ereilte auch das Reiter- denkmal von Jan III. Sobieski, der in der Nähe von Lemberg geboren wurde und dessen Fami- lie ein Haus auf dem Marktplatz besaß. Es stand seit Ende des 19. Jahrhunderts auf der Lember- ger Flaniermeile, an deren nördlichem Ende ein paar Jahre später die prächtige Oper entstand. Der polnische König, der im September 1683 die Türken vor den Toren des belagerten Wiens vernichtend geschlagen hatte, stand auch in Österreich als »Türkenbefreier« hoch im Kurs. Die Sowjets konnten jedoch einen Vertreter des Königshauses nicht auf ihren Straßen dulden. Zunächst gab es die Idee, Sobieski zum ukrai- nischen Kosakenhetman Bohdan Chmelnyzkyj Die HeldInnen der Anderen InfoEuropa Juri Durkot, geb. 1965 in Lemberg (Lwiw), studierte Germanistik an den Universitäten Lemberg und Wien. Anfang der 90er-Jahre arbeitete er als freier Journalist mit österreichischen Zeitungen zusammen (Die Presse, Wiener Journal). Von 1995 bis 2000 war er Pressesprecher der ukrainischen Botschaft in Deutsch- land. Seit Ende 2000 ist Durkot als freier Journalist, Publizist, Übersetzer und Produzent tätig. Für die Übersetzung des Romans Internat von Serhij Zhadan (Suhrkamp) wurden die ÜbersetzerInnen Juri Durkot und Sabine Stöhr 2018 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 5