Kulturführer Mitteleuropa 2020 - Page 22

GEDÄCHTNIS DER STRASSE Erinnernde Straßennamen in Budapest und Wien In Ungarn wie auch in Österreich nutzten die PolitikerInnen der Zwi- schenkriegszeit (1918–1934) den gesellschaftlichen Wandel dazu, neue HeldInnen auf den Gassen und Straßen der Hauptstädte zu verewigen. Patrick Svensson-Jajko mit Einblicken in die Kulturgeschichte des (Um-)Erinnerns. Die Straßen, Gassen und Wege rund um den Achtund- vierzi- gerplatz in Wien, Penzing erinnern an die Opfer der sogenann- ten Märzre- volution von 1848. 1918 veränderten sich die Staaten, die Städte und die dort lebenden Gesellschaften rapide. Der Mangel an Lebensmittel, Heizmaterial, Unterkünften, aber auch nach dem Gefühl, sich identifieren und orientieren zu können, gaben schließlich Anlass, auch Straßennamen als Mittel des politischen Kampfes zu nutzen und politische beziehungsweise historische Er- zählungen zu verstärken. Wien wurde von der Hauptstadt eines monarchischen Vielvölker- staates zu einer Hauptstadt der Republik Ös- terreich: eine Millionenstadt mit allgemeinem Wahlrecht für Männer und Frauen. Diese ge- sellschaftlich gewonnene politische Freiheit be- deutete auch, dass sich ab 1919 die erinnernden Erzählungen im städtischen Raum veränderten. Zeigten Straßennamen bis dahin überwiegend die Namen von männlichen, adeligen – oftmals mit dem habsburgischen Herrscherhaus ver- bundenen – Persönlichkeiten, sollten es im so- zialdemokratisch regierten Wien vor allem Per- sonen aus Wissenschaft, Kunst und Politik sein. Bis heute prägen jene Namen der 1920er Jahre das Straßenbild der Hauptstadt, die überwie- gend neu bei bis dahin unbenannten Straßen und Gassen eingeführt wurden. So geben bei- spielsweise immer noch die Wäscherin Margare- te Schambor, der Student Karl Koniczek und der Tagelöhner Lorenz Donhart – alle Gefallene der Revolution 1848/49 – Orientierung rund um den Achtundvierzigerplatz (Penzing). Anderorts in Wien bildete die Wohltäterin Amalie Strecker in der Amaliengasse zunächst aufgrund einer Ver- wechslung mit Kaiserin Amalie Grund zur Kon- troverse. Manche Veränderungen trafen aber auch auf Konsens, so die Umbenennung der Kaiser Josef Straße in Heinestraße oder der Ma- ximiliangasse in Mahlergasse. In der Zwischen- kriegszeit erweiterte sich der Personenkreis der HeldInnen an den historischen Orientierungs- punkten in Wien, die Erzählungen der Gesell- schaft wurden komplexer. Mit vielen der neuen Straßennamen wurde an Personen erinnert, die noch lebten und an Ereignissen mitwirkten, die maximal 120 Jahre zurücklagen. So stieg die Wahrscheinlichkeit, dass sich viele Menschen an die neuen Heldinnen und Helden erinnern konnten. Verlorener Glanz in Budapest Die Herausforderungen am Ende des Krieges prägten auch Budapest, doch die politischen Umbrüche waren hier deutlich stärker. Der Auf- bau einer liberalen Demokratie scheiterte nach wenigen Wochen im Winter 1918/1919. Einige Monate hielt sich die Räterepublik, bevor Ende 1919 das monarchische System wieder domi- nierte. Der Kampf um Straßennamen stand im Schatten gewalttätiger Auseinandersetzungen in vielen Teilen Ungarns. Bevor die Umbenen- nung des Parlamentsplatzes in den Platz der Re- 22  InfoEuropa