Kulturführer Mitteleuropa 2020 - Page 20

BILDER VON GESTERN es in den allegorischen Darstellungen visueller Produktionen innerhalb der 1990er und frühen 2000er Jahre angedeutet wird. Die während des Tuđman-Regimes erfolgten Transformations- prozesse hatten so einen emanzipatorischen Rückschritt zur Folge, welcher sich auch auf die Darstellungsweise der Frauenfiguren innerhalb visueller Produktionen niederschlug. Die aktive, scheinbar heldenhafte Frau agiert dabei unter einem Deckmantel der Emanzipation und ver- bleibt als Heldin zweiter Klasse. »Frau als Opfer« oder als Mutter jener Soldaten, die dann als heldenhaft bezeichnet werden. Dabei fußt die bewaffnete und gemeinsam mit den Männern in den Kampf ziehende Frau im ex-jugoslawischen Raum in Form der Partisanin auf eine lang gehegte Tradition – auch in der vi- suellen Kultur. Zur Zeit Jugoslawiens waren die weiblichen Heldinnen nach dem Sieg der Parti- sanInnen über die Nationalsozialisten im öffent- lichen Raum präsent. Es wurden Plätze, Straßen sowie auch Fabriken nach ihnen benannt. Eine Textilindustrie-Fabrik in Zagreb trägt beispiels- weise den Namen der heldenhaften Partisanin Nada Dimić, die noch auf der Häuserwand in verblassten Lettern zu sehen ist. In der kleinen Durchgangsstraße »Prolaz Sestre Baković« in Zagreb finden sich nach wie vor die Büsten des aktivistischen Geschwisterpaares Baković. Und auch die in Jugoslawien produzierten Spielfilme geben die heldenhaften Geschichten der Parti- saninnen wieder. Der Regisseur Vjekoslav Afrić des Spielfilms »Slavica« aus dem Jahr 1947 hat beispielsweise die Hauptrolle mit der weibli- chen Schauspielerin Irene Kolesar besetzt. Deckmantel Emanzipation Einen Gegensatz dazu bildet die kroatische Spielfilmindustrie der 1990er Jahre, die kei- nerlei weibliche Hauptrollen im Kriegsnarrativ vorsieht. Die filmische Produktion unter Präsi- dent Franjo Tuđman gestaltete sich dabei recht eindimensional: die guten, frisch rasierten und ordentlich gekleideten Kroaten kämpfen gegen die meist betrunkenen, bösartigen und unge- pflegten Serben. Aktive Frauenfiguren haben in dem Zusammenhang wenig Raum und bilden damit auch eher die Ausnahme – so wie beispiel- weise in dem religiös gefärbten Film »Vrijeme za…« von Oja Kodar (aus dem Jahr 1993), in dem eine Mutter versucht ihren Sohn im besetzten und damit von Feinden umgebenen Gebiet zu begraben und sich dabei trotz aller Widrigkeiten bis zu ihrem Ziel durchschlägt. Ein weiteres Bei- spiel ist der später produzierte Film »Svjedoci« von Vinko Brešan (2003), in dem eine Protago- nistin letztlich den Mordfall an einem Serben in Zagreb aufklärt und versucht, dessen Tochter aus den Fängen der mutmaßlichen Mörder zu retten. Nebendarstellerinnen wie diese können zwar als heldenhaft angesehen werden, benöti- gen jedoch schlussendlich immer die Hilfe des Mannes, um ihre mutigen Taten erfolgreich aus- führen zu können. Zudem zieht keine von ihnen gemeinsam mit den Männern in den Krieg, wie 20  InfoEuropa Klaudija Sabo ist Postdoc-Assistentin für Visuelle Kultur an der Alpen-Adria- Universität Klagenfurt. Sabo studierte Kulturwissenschaften und Kunstgeschich- te an der Humboldt Universität zu Berlin, der Goldsmiths University in London und an der Universität Zagreb. Im Jahr 2016 promovierte sie an der Universität Wien, am Institut für Zeitgeschichte / Visuelle Zeit- und Kulturgeschichte. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich Visuelle Kultur, Intermedialität sowie Film- und Medienwissenschaften.