Kulturführer Mitteleuropa 2020 - Page 19

BILDER VON GESTERN Heldinnen zweiter Klasse? Auf den Medaillen und Gemälden tragen die Frauen Schwerter und Pistolen, doch in den kroatischen Filmen der 1990er Jahre gerät die Figur der Kriegerin in Vergessenheit. Die Bildwissenschaftlerin Klaudija SABO sucht nach Spuren mutiger Frauen in den Jugoslawienkriegen und deckt dabei Erinnerungslücken der visuellen Kultur auf. Die Geschwister Rajka und Zdenka Baković nutzten während des Zweiten Weltkriegs ihren Familienkiosk als Drehscheibe für den Widerstand. 1941 wurden sie verhaftet und tagelang gefoltert. Während Rajka an ihren Verletzungen starb, beging ihre Schwester Zdenka aus Verzweiflung Selbstmord. Heute ist eine Passage in Zagreb nach den jugoslawischen »Volksheldinnen« benannt. In der kroatischen Version von Eugene Dela- croixs Gemälde »Die Freiheit führt das Volk«, hisst die dynamisch nach vorn preschende Frau, anstelle der französischen, die kroatische Flagge und hält in ihrer linken Hand anstelle des Bajo- netts eine vollautomatische Kalaschnikow im Anschlag. Auch sie blickt wie das Original flüch- tig nach hinten auf ihre Gefolgschaft und ruft so dazu auf, ihr furchtlos in den Krieg zu folgen. Die im Jahre 1992 von Nenad Orešković erstell- te Zeichnung, greift das im Jahr 1830 vollendete französische Gemälde wieder auf, um mit der im Vordergrund stehenden »weiblichen Heldin« auf die Unabhängigkeitsbestrebungen und den kriegerischen Auseinandersetzungen aufmerk- sam zu machen. Im Gegensatz zu den männlichen kroati- schen Soldaten, die während des Krieges und vor allem danach als Volkshelden betitelt wurden und eine starke narrative sowie visuelle Präsenz in den Medien einnahmen, verbleibt die weibli- che Heldin vornehmlich in der Kunst. Dabei fin- den sich immer wieder bewaffnete Frauen aus- InfoEuropa gestattet mit Degen, Schwertern, Pistolen sowie nationalen Symbolen auf Tapferkeitsmedaillen, Gemälden, Zeichnungen sowie Karikaturen. Die- se enge Verbindung von nationalen Symboliken und Weiblichkeit hat nach Cynthia Enloe eine spezifische Funktion und zwar die der allegori- schen Darstellung des Staates, welche besonders in Kriegs- und Krisenzeiten vermehrt auftaucht. Sie stellt heraus, dass den Frauen vornehmlich symbolhafte Rollen in Nationalbewegungen zugeschrieben werden. Dabei fasst sie diese Frauenfiguren als sogenannte Ikonen der Nation (icons of nationhood) zusammen. Nebenrolle Frau Obwohl nach Angaben des Staatssekretärs des Verteidigungsministeriums ca. 23.080 Frauen am sogenannten Heimatkrieg der 1990er Jahre aktiv beteiligt waren, gibt es kaum medial ver- breitetes visuelles Zeugnis von den in den Krieg ziehenden oder heldenhaft betitelten Frauen. Vielmehr dominieren Darstellungen von der 19