Kulturführer Mitteleuropa 2020 - Page 18

25 JAHRE EU-BEITRITT Von jenen, die erst ab 1946 das Land verließen, stammen viele untypische Erzählungen, zum Beispiel von Adolf Kosnopfl: Er stammte aus einer deutschen Familie, erlebte aber als Kind zwischen 1945 und 1949 in Jindřichův Hradec/ Neuhaus keinerlei Diskriminierung. Er wuchs unter tschechischen Kindern auf und lernte schnell Tschechisch. Unter den Kindern und Volksschullehrern spielte eine von der Sprache unabhängige, ethnische »Nationalität« keine Rolle. Generell bestand großes Interesse an Personen, deren Identität und Position der eindeutigen Zuordnung zu »Deutschen« und »Tschechen« bzw. »Slowaken« widersprachen. Denn eine der größten historischen Grausamkeiten in diesem Zeitraum bestand darin, dass der zunehmend radikalisierte Nationalitätenkonflikt eine stren- ge Trennung zwischen den »Nationen« vorsah. Die politische Propaganda sorgte dafür, dass vie- le Menschen diese eindeutigen Zuschreibungen übernahmen und der nationalistischen Partei- lichkeit folgten. historisch »betoniert« worden. Zugleich freuten sich die Projektpartner, nun im Rahmen der EU ein neuartiges transnationales Zusammenleben mitgestalten zu können: durch gemeinsames, freundschaftliches Forschen und Handeln im Feld des historischen Gedächtnisses. Buchtipp: Geteilte Erinnerungen. Tschechoslowakei, Nationalsozi- alismus und die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung 1937–1948, hg. v. Georg Traska. Mandelbaum Verlag: Wien, 2017. Zusammenleben im heutigen Europa Getragen wurde das Projekt von einem gemein- samen Bedauern über das »Ende einer Möglich- keit«. Die Gewalt zerstörte das vielsprachige, multiethnische, -religiöse und -nationale Zu- sammenleben im zentraleuropäischen Raum. Es ging nicht darum, dies nachträglich zu ver- klären. Konflikte und Kämpfe um Hegemo- nien gab es immer. Doch die Frontlinien und Streitgegenstände der zentraleuropäischen »Konfliktgemeinschaft« änderten sich fortwäh- rend, und möglicherweise hätten auch die im 19. Jahrhundert etablierten »Nationen« wieder an politischer Bedeutung verloren und sich in unvorhersehbare Richtungen weiterentwickelt, wären sie nicht im 20. Jahrhundert durch ethni- sche Säuberungen staatlich getrennt und damit 18  Video- Standbild »Bringing Together Divided Memory« InfoEuropa Georg Traska studierte Kunstgeschichte und ist Mitarbeiter des Instituts für Kultur- wissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er arbeitet als Kurator mit dem Volkskundemuseum Wien, der Öster- reichischen Mediathek und der Landes- galerie Niederösterreich zusammen und ist spezialisiert auf videounterstützte und partizipative Forschungen. Seine jüngste Ausstellung war »Schulgespräche – Junge Muslim/innen in Österreich«