Kulturführer Mitteleuropa 2020 - Page 17

25 JAHRE EU-BEITRITT Vereintes Europa – geteilte Erinnerung Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist keine Schwarz-Weiß-Zeichnung. Ein eindrucksvolles Zeitzeugen-Projekt macht anhand biografischer Erinnerungen die vielen Schattierungen im Zusammenleben der Nati­ onalitäten sichtbar. Der Kulturwissenschaftler Georg TRASKA über den Versuch einer transnationalen Erzählung. Sie wurden im gleichen Dorf geboren, haben Tür an Tür gewohnt, saßen in den Schulbänken zu- sammen und stritten oder spielten in den Pau- sen. Nationalitäten spielten für viele Kinder im tschechoslowakischen Teil des Vielvölkerstaats wenig bis keine Rolle. Das hat sich mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen radikal geändert. Mit dem Krieg kamen Repressionen gegen ethnische Gruppen, mit dem Frieden die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölke- rung Böhmens, Mährens und der Slowakei. Die Traumata dieser Zeit trennen bis heute die Er- innerung jener Generation – der Kinder von da- mals: Auf der einen Seite die Erzählung der Ver- triebenen, auf der anderen Seite die Erzählung der Tschechen und Slowaken, die vor allem vom Nationalsozialismus und der Unterdrückung durch die Deutschen handelt. Multimediale Blickwinkel Das grenzübergreifende Projekt Bringing To- gether Divided Memory bildet den Versuch ei- ner Annäherung an das gemeinsame Erzählen unterschiedlicher Erinnerungen. Das Team des österreichisch-tschechisch-slowakischen Inter- view- und Ausstellungsprojektes beschäftigte sich zwischen 2014 und 2016 intensiv mit den ZeitzeugInnen nationalsozialistischer Herr- schaft in der Tschechoslowakei und der Ver- treibung der deutschsprachigen Bevölkerung. Unter der Leitung des Instituts für Kulturwis- senschaften und Theatergeschichte der Öster- reichischen Akademie der Wissenschaften und mithilfe der Partnerorganisationen Antikomplex z.s. in Prag und Antikomplex.sk in Banská By- strica entstanden mehrsprachige biografische Erzählungen. Das Projekt wurde von dem EU- Programm Europa für Bürgerinnen und Bürger / Europäisches Geschichtsbewusstsein gefördert und umfasst eine Sammlung an Lebenserfah- InfoEuropa rungen und Erinnerungen. Die drei Partneror- ganisationen führten 37 Interviews. Daraus ent- stand eine dreisprachige Videoinstallation, die in Wien (Volkskundemuseum), Prag (Neustäd- ter Rathaus) und Bratislava (Universitätsbiblio- thek) gezeigt wurde und als Wanderausstellung fortgeführt wird. 2017 erschien das dreisprachi- ge Buch, das thematisch ähnlich strukturiert ist wie die Ausstellung. Aus dem Rahmen Was bedeutet transnationale Erzählung in dem Kontext dieses Projektes? Die Kuratoren stellten den Anspruch, dass die nationalen Positionen der Partnerorganisationen im thematischen Schnitt der Videos und in allen Texten nicht unterscheidbar sein dürfen. Bei der Auswahl zielte das Projektteam nicht auf »Repräsentati- vität« gegenüber gängigen Narrativen ab, son- dern legte Wert auf eine Vielfalt an Perspekti- ven. Eine primäre Unterscheidung ergab sich zwischen den Vertriebenen, Ausgesiedelten und bald nach 1945 Emigrierten einerseits und den dauerhaft in der Tschechoslowakei Verbliebe- nen andererseits – unabhängig von der Sprache. 17 Video- Standbild »Bringing Together Divided Memory«