Kulturführer Mitteleuropa 2020 - Page 14

K O M M E N TA R Sie bauten die Brücken für unseren Frieden Wie kann eine europäische Erinnerungskultur aus feministischer Per- spektive aussehen? In ihrem Kommentar formuliert die Frauenrechts- Aktivistin Heidi Meinzolt einige Gedankensplitter zum Projekt Frauen wählen Frieden und zeigt auf, was die »Heldinnen« von gestern mit den Herausforderungen von heute verbindet. Bei der Züricher Konferenz 1919 wurde die Inter- nationale Frauenliga für Frieden und Freiheit gegründet. Pionierinnen wie Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann, Yella Hertzka und Vilma Glücklich richteten ihre Forderungen an die Ver- handler in Versailles. Aleida Assmann fordert in ihrem klugen Buch über »das neue Unbehagen an der Erinnerungs- kultur«, die Erinnerungsarbeit aus dem akade- mischen Spezialistentum herauszuholen. Gera- de in einer Zeit, in der die Solidarität in Europa abzunehmen scheint, sollten wir uns Geschich- te mit identitätsstiftender Wirkung gemeinsam aneignen und uns weiterhin kritisch mit Leer- stellen der Vergangenheit auseinandersetzen. Hier setzt das Projekt Frauen wählen Frieden an: Es rückt die Namen und Geschichten von Frau- enrechtlerinnen und Friedensaktivistinnen aus einer Nische ins öffentliche Bewusstsein und diskutiert ihre Wirkungsmacht und Inspiration für die Gegenwart. Befreiung ohne Heldentum Den direkten Anlass sich zu erinnern bot das Ju- biläum 100 Jahre Frauenwahlrecht im Vorjahr. Nur wenige der Protagonistinnen der Gleichbe- rechtigung gehören zu jenen klassischen Hel- dinnen der Geschichte, die in Schulbüchern und 14  Kolloquien besprochen werden. Sie bewiesen Mut, sich einem gesellschaftlichen Mainstream entgegenzustellen, der Nationalismus und Mi- litarismus beförderte, patriarchale Strukturen fortschrieb und Frauen wirtschaftlich wie sozial diskriminierte. Sie handelten ganz im Sinne von Frieda Perlen, die 1919 am Züricher Kongress festhielt: »Eine Befreiung kann es nicht im Hel- dentum, sondern nur mit geistigen Waffen ge- ben.« Zu Beginn des 20. Jahrhunderts blies die- sen »Heldinnen« ein scharfer Wind ins Gesicht, wenn sie durch kluge Analysen die Wurzeln für Krieg und Gewalt in der Profitgier und den Pri- vilegien der Wirtschaft entlarvten und forderten »die Waffen niederzulegen« (Bertha von Sutt- ner) und universell abzurüsten. Die Frauen, die sich 1915 in der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF) zusammenschlos- sen, ließen nicht locker in ihrer Überzeugung, dass sich Kriege vermeiden ließen – natürlich unter Einbezug von Frauen an Entscheidungen. Sie glaubten unter anderem an die Wirkungs- kraft des Völkerbundes als eine internationale InfoEuropa