Goldilocks Ausgabe 13 - Page 11

Autor : Clas Beese Co-Founder von finletter

NEW WORK AUSGABE 13

Bild : dailypay

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EMBEDDED BANKING

VORSCHUSS- ZAHLUNGEN ALS GESCHÄFTSMODELL

Vorschusszahlungen sind für Arbeitnehmer : innen immer wieder notwendig und für Arbeitgeber immer wieder enorm bürokratisch . US-Start-ups zeigen , wie es einfach geht , was eine enorme Bedeutung für die Kundenschnittstelle von Banken hat .

EWA heißt der Trend aus den USA : Earned Wage Access . Viele Arbeitnehmer : innen aus den Niedriglohnsegmenten , wie Bau und Gastronomie , können nicht immer bis zur nächsten Gehaltszahlungen warten . Wenn das Geld auf dem Konto nicht ausreicht , weichen viele auf Payday Lending aus . Das ist sehr teuer und bringt die Gefahr von Ver- und Überschuldung mit sich . Häufig helfen Arbeitgeber mit Lohnvorauszahlungen aus , die allerdings für Personalabteilungen bürokratisch und damit ebenfalls teuer sind . Entlastung versprechen Fintech-Start-ups wie Clair , Even , Dailypay und Co ., die Vorschusszahlungen als Geschäftsmodell anbieten .

Clair beispielsweise macht es möglich , dass Arbeitnehmer : innen bereits nach einem Tag Arbeit einen entsprechenden Teil der Vergütung bekommen bzw . über eine spezielle Kreditkarte ausgeben können . Clair sieht sich als Vermittler zwischen Personalabteilung und Arbeitnehmer : in und versucht nach eigenen Angaben eine Win-Win-Situation herzustellen . Der Win von Clair : die Intercharge-Fee der Kreditkartentransaktion ; ansonsten soll der Service für beide Parteien kostenlos sein .

Für immer mehr Arbeitgeber gehören EWA-Programme zu ihrem Repertoire , mit dem sie bei ihren aktuellen und zukünftigen Mitarbeitenden punkten . Schließlich ist gerade im Niedriglohnsektor der Fachkräftemangel heute schon zu spüren . Bildlich : In Deutschland schaltete Amazon im letzten Dezember riesige Plakatkampagnen . Nicht für Weihnachtsgeschenke , sondern um neue Mitarbeiter : innen zu finden .

WAS DAS BEDEUTET

Möglich wird der Service , wenn Arbeitnehmer : innen ihre Arbeitszeit erfassen – digital und in Echtzeit , nicht mit einem Stundenzettel aus Papier .

Das ist auch schon der erste Grund , warum das Thema Vorschusszahlungen in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt , weiß Tim Schütte , Geschäftsführer von Paychex Deutschland : „ Software zur Lohnabrechnung muss in Deutschland zertifiziert sein . Aber von mehr als hundert Anbietern in Deutschland haben überhaupt nur eine handvoll Anbieter eine API als Schnittstelle . Und die brauchst du natürlich als Anbieter von EWA , um an die erfassten Arbeitszeiten zu kommen .” Paychex bietet in Deutschland Lohnabrechnung als Dienstleistung an . Die deutsche Niederlassung gehört zur US-amerikanischen Muttergesellschaft Paychex Inc ., die dort nicht nur als Marktführer bei der Lohnabrechnung für kleinere und mittlere Unternehmen gilt , sondern eben auch EWA anbietet .

Der deutsche Software-Markt für Lohnabrechnung ist alles andere als gleichmäßig aufgeteilt , gerade weil Lohnabrechnung immer noch sehr viel Handarbeit von Expert : innen braucht . Die Datev als Genossenschaft der Steuerberater : innen sticht aufgrund ihrer Größe heraus , aber eben nicht als Innovationstreiberin der Branche .

Der Innovationsdruck ist in dem Wirtschaftszweig natürlich zu spüren . Wo noch viel manuell gearbeitet wird , da versprechen Automatisierungen durch Software erhebliche Einsparungen . Und die Beute wollen sich Softwareanbieter und Arbeitgeber gerne teilen . Auch Paychex setzt auf Software . Dazu sagt Schütte : „ TÜV und Auto ist gutes Beispiel . Du musst dich irgendwann entscheiden , ob du die Rostlöcher weiter zuschmierst oder ob du eine Generalsanierung machst . Und wir haben bei unserer Lohnabrechnungssoftware , die wir für einen Teil unserer Abrechnungsdienstleistung verwenden , halt Rostlöcher zugeschmiert und wissen , dass das nicht mehr ewig halten wird . Wir fangen jetzt von Null an und entwickeln eine eigene Software nach den heutigen Maßstäben für Softwareentwicklung . Also Cloud , Multitenant , hoher Automatisierungsgrad , selbstlernende Mechanismen und – ganz wichtig – whitelabel-fähig .” An moderne Lohnabrechnungssysteme können dann , jedenfalls wenn sie mittelfristig im Einsatz sind , EWA- Systeme von außen angedockt werden . Oder sie könnten , wie bei Paychex USA , den Arbeitgebern die Vorschusszahlungen selber als Produkt anbieten .

Mittelfristig wird Embedded Banking in der Lohnabrechnung also Deutschland erreichen . Beispiele wie Clair zeigen , dass der Zugang zum Gehalt auch ohne Girokonto gehen kann . Sehen Banken heute noch das Girokonto als zentrale Kundenschnittselle , wird dieses Narrativ in wenigen Jahren vielleicht schon überholt sein . Für Endkunden : innen bestimmt der EWA-Anbieter des Arbeitgebers dann vielleicht , mit welcher Kreditkarte bezahlt wird . Die eigene Hausbank hat mit diesem Prozess dann nichts mehr tun : Die Bank ist austauschbar , der EWA-Anbieter nicht .

Eine einfache und unkonventionelle Lösung für Sparkassen könnte es sein , Lohnfortzahlungen als Dienstleistung den Geschäftskunden einfach selbst anzubieten , oder noch tiefer in die Wertschöpfungskette einsteigen und Lohnabrechnungen mit anbieten . Die Neo-Bank Kontist macht das seit 2020 vor ; jedenfalls werden die drei Bereiche Geschäftskonto , Buchhaltung und Steuerberatung für Solo-Selbstständige aus einer Hand angeboten . „ In England gibt es die erste Bank die eine eigene Lohnabrechnung anbietet und die wahrscheinlich demnächst mit einer Buchhaltungs- Software um die Ecke kommt “, ergänzt Paychex-CEO Schütte .

Noch ist etwas Zeit , die Entwicklung in den USA und im Vereinigten Königreich zu beobachten . Sobald Lohnvorauszahlungen als Dienstleistung in Deutschland auf den Markt kommen , werden Branchen mit großer Personalknappheit wie Lieferdienste , Bau oder Gastro den Service sicherlich schnell einführen . Eher heute als morgen gilt es zu entscheiden , ob die Sparkassen dieses Feld anderen überlassen oder es selber als Chance nutzen .

Autor : Clas Beese Co-Founder von finletter
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