Goldilocks Ausgabe 11 - Page 5

Autor : Clas Beese Co-Founder von finletter
Autorin : Caro Beese Co-Founderin von finletter

GAFA AUSGABE 11

Bild : Unsplash

TEIL 1 TITELSTORY

LESEDAUER : 11 MIN

GAFA WOZU DIE TECH- GIGANTEN INS BANKING EINSTEIGEN

Und wie Banken und Sparkassen mit der enormen Marktmacht der Konkurrenz umgehen können .

Es gibt Anekdoten aus der Geschäftswelt , die nach einer Zeitmaschine schreien . Die von Goldman Sachs und Alibaba ist so eine : Im Jahr 1999 investierte Goldman-Managerin Shirley Lin drei Millionen US-Dollar in das damals kleine chinesische Start-up Alibaba . Fünf

Jahre später wurden diese Anteile für

22 Millionen Dollar verkauft – an

sich ein sehr guter Return on Invest , wäre Alibaba nicht zu dem chinesischen Tech Giant schlechthin geworden . Eben diese Anteile wären heute mehr als 200 Milliarden (!) US-Dollar wert und

damit fast doppelt so viel wie die Bank selbst . Gleich zwei Fehler hat Goldman Sachs gemacht : Der erste war , dass Lin – weil es ihre Kollegen so wollten – nicht mehr investierte . Und der zweite war , zu früh ausgestiegen zu sein .

Nun haben wir leider keine Bauanleitung für eine Zeitmaschine und die Titelgeschichte dieser GOLDILOCKS-Ausgabe soll auch kein Jammer-Manifest der verpassten Investment-Gelegenheiten sein . In dieser Ausgabe geht es um die wahnsinnige Marktmacht der Tech Giants und wie diese sich auf den Finanzmarkt auswirkt . Es geht darum , dass es rund um die Jahrtausendwende noch „ okay “ war , die wirtschaftlichen Chancen eines aufstrebenden Tech-Unternehmens nicht zu verstehen . Damit kann sich heute keine Bank mehr herausreden . Finanzinstitute können nicht einfach die Augen vor der Marktmacht der Tech Giants verschließen , wenn sie ihre Kundschaft halten wollen .

Aber von vorne …

Tech Giants sind diejenigen Technologie-Großkonzerne , die unser Online-Erleben maßgeblich bestimmen . Die chinesischen sind dabei in Deutschland und der EU weniger relevant ; GAFA heißt das Wort der Stunde : Google , Amazon , Facebook , Apple . Sie produzieren einen Großteil unserer Smartphones und Tablets , stellen E-Mail , Fernsehen und Musik für uns bereit , sie managen unsere Daten in Cloud-Speichern und sozialen Netzwerken . Aber sie sind eben auch längst im Bereich Financial Services tätig : Amazon bietet eine eigene Kreditkarte , die das Shopping-Erlebnis verbessern soll , nach Google Pay soll in diesem Jahr mit Google Plex eine eigene Kontenoberfläche kommen und Gerüchten zufolge plant Apple nach seiner Kreditkarte auch ein eigenes Girokonto ( siehe Abbildungen Folgeseite ).

Eigene Vollbanklizenzen haben sie dafür nicht , sondern arbeiten stets mit Partnern . Googles Payment-Vize Felix Lin bekräftigte das kürzlich in einem Interview mit „ The Financial Brand “: „ Google hat kein Interesse daran , jemals eine Bank zu werden . Wir arbeiten seit vielen vielen Jahren mit Banken und werden das weiter tun auf eine Art und Weise , die es unseren Partnern ermöglicht , ihre Finanzdienstleistungen und Produkte auf dem geeignetsten Weg so vielen Nutzern wie möglich anzubieten .“

Keiner der Tech Giants bietet aktuell Finanzdienstleistungen an , weil so viel Prestige und Geld im Finanzsektor zu holen sind , sondern vor allem aus einem Grund : um ihre Nutzer : innen länger in ihrem jeweiligen Ökosystem zu behalten . Vorhandene Netzwerk- und Lock-in-Effekte werden gestärkt , neue geschaffen .

Google und Apple beispielsweise machen mit ihren mobilen Bezahlmöglichkeiten Google Pay und Apple Pay den Wechsel von einem Betriebssystem zum anderen noch schwieriger als ohnehin schon . Natürlich bleibt bei beiden zum Beispiel für Transaktionen in Google bzw . Apple Pay auch eine Gebühr hängen , aber vor allem profitieren sie vom Lock-in-Effekt : Wer sich einmal an eine Seite bindet , kommt schwer wieder los – und je mehr Finanzdienstleistungen beide den Verbraucher : innen anbieten , desto mehr ist Google respektive Apple verwoben mit dem Alltag einer Person .

Die Nachteile lagern Google und Apple einfach auf Partner aus : Sie nutzen die Systeme der Kreditkartenanbieter und der Kreditkarten herausgebenden Banken . Ein großer Teil dieser Wertschöpfungskette , des Financial Engineerings , liegt also gar nicht bei Google oder Apple . Selbst wenn dieses Jahr Google Plex startet , ist dies dem derzeitigen Wissensstand zufolge kein eigenes Google-Konto , sondern eher eine Gmail-artige Oberfläche für Plex-Konten von Partnerbanken .

Wie Felix Lin von Google schon sagte : Wir wollen keine Bank werden – oder auch : Das sind uns viel zu viele regulatorische Anforderungen –, aber Finanzinstitute sollen ihre Produkte auf dem besten Weg anbieten können – oder auch : Wir ( also Google ) haben ein Händchen für Oberflächen , auf denen Nutzer : innen sich auch wirklich zurechtfinden . Und da sind die Unsummen an Geldern , die Banken und Sparkassen in Google-Werbung pumpen , noch gar nicht berücksichtigt . Die Tech Giants verdienen über Werbung oder Cloud-Dienste ( Amazon Web Services und Co .) längst an der Finanzbranche , ohne dass sie die mit einer Banklizenz verbundenen Risiken auf sich nehmen ; eine damit verbundene Abwertung an der Börse . Und grundsätzlich ist Banking ein so niedrig-margiges Geschäft , weshalb andere Bereiche – zum Beispiel Audio- oder Video-Content – für die GAFAs viel attraktiver sind , aufgrund von Skalierbarkeit und globalen Netzwerkeffekten .

Warum Amazon besser Kredite vergibt

Auch Amazon ist ein enorm umfangreiches , verwobenes Ökosystem mit Netzwerkeffekten , Marktplatzgeschäftsmodell und Lock-in-Effekten . Amazon konzentriert sich bei seinem Vorstoß ins Banking deutlicher auf die Dienstleistungen , die das Kerngeschäft – den Handel – stärken . Der Tech Giant vergibt Warenkredite an seine Händler : innen und kann dies sehr viel präziser als eine Bank , denn er hat Einblicke in Daten , die Banken und Sparkassen gar nicht haben . Amazon weiß genau , wie gut eine Händlerin verkauft oder wie viel Ware sie auf Lager hat . Selbst wenn diese Händlerin Kundin der Sparkasse wäre , könnte diese auf Basis des Jahresabschlusses die Kreditwürdigkeit nicht annähernd so gut beurteilen wie Amazon , geschweige denn in Echtzeit .

Obendrein muss Amazon mit den Krediten kein Geld verdienen – die Banken aber schon , was zu einer unfairen Situation auf dem Markt führt . Die Finanzinstitute werden hier von einem Internetriesen angegriffen , der nicht nur die besseren Voraussetzungen hat , sondern mit dieser Dienstleistung nicht mal Geld verdienen muss .

Das Konto wird zur Commodity

Es ist gut möglich , dass die GAFAs ihre Finanzdienstleistungen derart gut machen werden , dass sie sie nach einigen Jahren auch als eigenständiges Produkt anbieten – so wie Amazon beispielsweise sein Cloud-Hosting . Es kann sein , dass ein Konto von Apple so benutzerfreundlich gemacht wird , dass es den Standard setzt . Oder dass Google Plex ’ Analysen so gut sein werden , dass wir von Google endlich die automatisierte Finanzberatung mit künstlicher Intelligenz bekommen können , von der die Fintech- Branche schon seit Jahren fantasiert .

Die bittere Wahrheit an dieser Stelle ist , dass die Finanzdienstleistungen – in erster Linie das Anbieten eines Girokontos – zur Commodity werden . Austauschbar . In ihrem Versuch , ihre Nutzer : innen noch stärker an das eigene Ökosystem zu binden , schaffen Google und Apple jetzt schon Dienstleistungen , Produkte und Oberflächen , die denen der traditionellen Finanzdienstleister um Lichtjahre voraus sind .

Was können die Sparkassen tun ?

Nun gibt es auch heute durchaus noch die Gelegenheit , sich am nächsten Alibaba oder Google zu beteiligen , an dem kleinen Garagen-Start-up , das irgendwann ein Tech Giant werden könnte . Schon in der vergangenen GOLDILOCKS- Ausgabe war das ein Thema : antizipieren , wo wahre Innovationen warten , und sich dann daran beteiligen , wenn man als Institut selbst nicht dazu in der Lage ist .

Doch für Banken kann dies nur ein Teil der Strategie sein , um gegen die Marktmacht der GAFAs anzugehen . Sie können – und sollten ? – sich auch an der vorhandenen GAFA-Gegenbewegung beteiligen : Die US-amerikanischen Tech Giants haben so eine enorme Marktmacht , dass sie entsprechend reguliert werden müssen ; das scheint in Europa inzwischen weitgehend Konsens zu sein . Denn ihre Marktmacht führt zu Ineffizienzen auf dem Markt , z . B . dass Google außerordentlich viel Geld verdient , weil man nirgendwo anders mehr Werbung schalten kann . Gemeinsam haben die deutschen Banken und andere schon erfolgreich durchgesetzt , dass Apple seine NFC- Schnittstelle öffnen muss . Und wenn man sich mal anschaut , dass Europas Banken aufgrund der PSD2 ihre Schnittstellen öffnen mussten , wäre es eine logische Konsequenz , auch die Tech Giants gesetzlich dazu zubringen , ihre Schnittstellen ebenfalls zu öffnen .

Mehr als eine Bank sein

Vor allem aber müssen Banken lernen , wie Tech Giants zu denken . Sie müssen ja nicht gleich selbst zu Technologie- Konzernen werden wie die ehemalige Sber Bank ; die baut sich nämlich tatsächlich mit sehr viel Kapital zum eCommerce-Ökosystem um und hat sogar das „ Bank “ aus ihrem Namen gestrichen .

Finanzinstitute und Sparkassen müssen aber erkennen , wo ihre tatsächlichen Stärken liegen und entsprechend handeln .

Je austauschbarer die Kernleistungen einer Bank werden und je mehr Dienste wie Apple oder Google Pay in den Alltag vordringen , desto mehr wird ihre Rolle im Leben der Verbraucher : innen geschwächt . Keiner deutschen Bank oder Sparkasse wird es gelingen , auf technologischer Ebene mit Apple mitzuhalten oder so gut mit riesigen Datenmengen umzugehen wie Google . Was sie aber machen können , ist , sich von den Tech Giants die beste Technologie einzukaufen und dann mit dem zu punkten , was sie richtig gut können .

Für Sparkassen bedeutet das :

durch Kooperationen mit den Tech Giants für ein Level Playing Field sorgen , die eigene Stärke ausspielen und damit verdammt gute Produkte bauen . Die werden dann besser , als die Tech Giants es alleine schaffen könnten .

Dieser Plan ist jetzt innerhalb von drei Sekunden gesagt – wenn man ihn innerhalb von drei Jahren umsetzen könnte , wäre das schon eine hohe Geschwindigkeit . Es stecken zwei entscheidende Fragen für Sparkassen darin :

1 . Was sind eigentlich unsere Stärken ? Die gilt es unter neuen Marktbedingungen zu definieren und in Relation zu den anderen Marktteilnehmern . Die Stärken der Sparkassen sind heute andere als vor 20 Jahren und sie werden in Zukunft andere sein als heute .

2 . Wie bauen wir eigentlich Produkte , so dass es schnell geht , sie gut sind und bei den Kund : innen ankommen ? Zwei Stärken liegen auf der Hand : zum einen Vertrauen , das die Sparkassen noch haben . Das Vertrauen in die Sparkasse wurde quasi vererbt , doch ein Ende dieses Effektes ist absehbar .

Und die zweite Stärke ist jetzt , Achtung , der erste Cliffhanger in der Geschichte von GOLDILOCKS , denn dabei handelt es sich um Regionalität . Und das wird das Thema der nächsten Ausgabe , die zu den Sparkassen Innovation Days 04 am 26 . und 27 . Oktober 2021 erscheinen wird .

Bildnachweis Grafik " Faust " Freepik
Autor : Clas Beese Co-Founder von finletter
Autorin : Caro Beese Co-Founderin von finletter
WIRD PRÄSENTIERT VON