15
Das Tor zur Oberstufe
Die Jahresarbeit ist für die Schüler am Ende der Klassenlehrerzeit so etwas wie das Sonnentor, durch das die
Erstklässler bei ihrer Aufnahme in die Schulgemeinschaft
gehen. Für die Erstklässler ist das Tor sichtbar und wird für
sie gehalten. Das nicht mehr sichtbare und gehaltene Tor
der Achtklässler entsteht durch die Schüler selbst:
Mit den Fähigkeiten, die sie sich in den acht Jahren erworben haben, bilden sie ihr eigenes Tor und durchschreiten
es. Durch diese Arbeit und die anschließende Vorstellung
vor Lehrern und Eltern werden sie in die Gemeinschaft der
Oberstufe aufgenommen, in der eine neue Selbstständigkeit und Selbstverantwortung gefragt sind. Aber der Schüler
muss selbst einschätzen, in welchem Umfang er seinen
Erwartungen gerecht geworden ist. Welche Hilfsmittel,
welche Menschen habe ich zur Unterstützung gebraucht?
Was war mein wirklicher, konkreter, eigener Anteil? In welchem Maße war ich selbst aktiv, in welchem Maße habe ich
mich tragen lassen – auch z. B. durch die Inanspruchnahme
technischer Hilfsmittel beim Vortrag?
Der Arbeitsprozess mit seinen Leichtigkeiten und Schwierigkeiten muss protokolliert werden als Hilfestellung für
eine realistische Selbstverortung, die die heranwachsenden
Jugendlichen hinsichtlich ihrer Potentiale und Willenskräfte
nun schon sehr viel bewusster selbst vornehmen können.
»Wenn ich das vorher gewusst hätte, dass ich am Ende so viel
würde schaffen müssen, hätte ich mit meiner Arbeit früher
begonnen«, kommentierte ein Schüler am Ende seines Vortrags seine Arbeitsplanung. Wer sagt da noch, in der Schule
lerne man nichts fürs Leben…
Marie-Luise Fuss-Gröner, Klassenlehrerin