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ei manchen Vierteln in Tokio weiß man gar
nicht, wo man anfangen soll. Bei Shibuya
schon: an der Kreuzung. Ich kannte Shibuya
Crossing schon, bevor ich aus den Fenstern des
örtlichen Bahnhofs meinen ersten Blick auf die
Kreuzung warf, mit ihrem Menschengewimmel
am Boden und ihrem Lichterglanz darüber. Als ich
schließlich an der Ampel stand, war es, als fiele
endlich ein Groschen, als fassten die Zahnräder in
meinem Kopf erstmals ineinander und begannen
zu rattern. Hier bin ich also. Shibuya
Crossing heißt das.
Ob amerikanischer Kinofilm
oder deutscher Fernsehbericht
Das ist das
– die Straßenkreuzung vor
dem Bahnhof Shibuya wird
moderne Japan: Seht
immer dann gezeigt, wenn
all die Menschen!
man in Sekundenbruchteilen
Seht all die Lichter!
vermitteln möchte: Das ist
Tokio! Mehr noch: das moder-
ne Japan! Seht all die Menschen!
Seht all die Lichter! Das Schöne
daran: Es ist im wirklichen Leben ge-
nauso beeindruckend wie auf dem Bildschirm.
Vielleicht sogar ein bisschen beeindruckender.
Die Kreuzung gilt als die geschäftigste der Welt.
Perfekte Verkehrsplanung macht’s möglich:
Schalten die Ampeln auf Grün, laufen alle Men-
schen auf allen Straßenseiten zugleich in alle
Richtungen. Manchmal sind es mehr als 2.000 auf
einmal. Es braucht ein bisschen Übung, um selbst
genau den Weg einzuschlagen, den man nehmen
möchte, wenn die Masse um einen herum in eine
andere Richtung strömt.
Hat man die andere Straßenseite erreicht, hat
man oft das Verlangen, sich das Treiben noch
einmal von oben anzusehen. Dafür muss man
einmal seinen Ärger darüber herunterschlucken,
dass „Starbucks“ die ganze Welt mit seinen Ge-
Chaos mit System:
fünf Zebrastreifen,
zehn Ampeln und
tausende Passanten,
die die Seiten wech-
seln. Nur Touristen
bleiben für ein Selfie
auf den Straßen von
Shibuya Crossing
stehen.
Shibuya-Fashion:
Junge Mode in den
Shops der Center-gai
Shopping-Straße.
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