SERIE: DIE CEWE FOTOSCHULE
ABSTRAKTE MOTIVE FINDEN
Wenn das Motiv seine Wirkung nur über Formen, Farben und Licht erzielt, sich das eigentliche Objekt in etwas Neues verwandelt und sich jeder fragt: „ Was ist das eigentlich?“, dann sind Sie in der Welt der abstrakten Fotografie angekommen!
Text & Fotos: Dr. Micha Pawlitzki
Dr. Micha Pawlitzki ist einer der besten europäischen Naturfotografen. Er kreiert faszinierende Natur- und Landschaftsfotos auf höchstem Niveau.
micha-pawlitzki. com
Jedes Jahr leite ich rund 40 Fotoworkshops für Kinder. Dabei fällt immer wieder auf, wie unvoreingenommen gerade die Jüngsten – oft erst 6 bis 10 Jahre alt – ans Fotografieren herangehen. Anfangs wissen sie kaum, wo der Auslöser ist, doch ihre Bilder überraschen später mit ungewöhnlichen, kreativen und experimentellen Ansätzen, die sich deutlich von klassischen Gestaltungskriterien unterscheiden. Kinder wissen nicht, was „ richtig“ oder „ falsch“ ist oder welche Kompositionsregeln laut Ratgebern
← Niedriger Abstraktionsgrad: Der Schatten eines Baumes auf einer Hauswand. gelten. Sie fotografieren frei, entdecken Formen, Farben und Perspektiven neu und lassen sich ganz intuitiv leiten.
Die meisten Erwachsenen hingegen sehen das anders: Sie orientieren sich stärker an Regeln und Erwartungen. Unschärfe, extreme Perspektiven oder ungewöhnliche Ausschnitte gelten schnell als Fehler statt als gestalterisches Mittel – dabei steckt gerade darin großes kreatives Potenzial.
Ich habe die abstrakte Fotografie in den letzten Jahren für mich neu entdeckt. Von den Möglichkeiten bin
↑ Mittlerer Abstraktionsgrad: Malerische Schilfgräser, leicht nach unten mitgezogen. ich so begeistert, dass ich sie inzwischen auch in meiner Masterclass vermittle. Sie eröffnet enorme Freiheit im Denken, Sehen und Gestalten. Dabei gibt es nicht die eine Form der Abstraktion – sie verläuft fließend von leichter Verfremdung bis hin zum völlig aufgelösten Motiv. Anhand von zwei Bildbeispielen nehme ich Sie mit hinein in dieses Genre.
Im großen Bild habe ich den Schatten eines Baumes fotografiert. Das Bild ist komplett scharf, korrekt belichtet, ich habe keine ungewöhnliche Aufnahmetechnik oder Softwarebearbeitung angewendet. Trotzdem ist das Bild im leicht abstrakten Bereich und keine „ normale“ Aufnahme, weil der Schatten auf der versetzt gebauten Fassade springt und so etwas Ungewohntes, Unterbrochenes ins Motiv bringt.
Deutlich stärker ist der Abstraktionsgrad im kleinen Bild: Ich habe die Spiegelung des Schilfgrases und des bunten Himmels im Abendlicht an einem Bergsee fotografiert. Während der 0,5 Sekunden langen Aufnahme habe ich die Kamera wellenförmig nach unten gezogen, sodass die Gräser unscharf werden, aber noch erkennbar sind und durch ihre geschwungene Form wirken.
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