CEWE Fotozeit AT Sommer 2026 | страница 44

Aus der Suche nach Motiven wird irgendwann eine Suche nach Möglichkeiten.

Diese Veränderung zeigt sich besonders auf Reisen. Wer sich darauf einlässt, wird merken: Ich besuche Orte nicht mehr nur, ich untersuche sie. Es reicht nicht, kurz vorbeizuschauen. Stattdessen entsteht der Impuls, auszuharren, zurückzukehren, den Standort zu wechseln, auf ein anderes Licht zu warten. Wie ziehen die Wolken? Wann geht die Sonne unter? Der Radius eines Tages erweitert sich – nicht unbedingt nur in Kilometern, sondern in Aufmerksamkeit. Frühe Stunden werden wichtiger, weil sie Möglichkeiten eröffnen, die im Tagesverlauf verschwinden. Wege werden länger, weil Abzweigungen plötzlich interessant erscheinen. Entscheidungen folgen weniger der Effizienz als der Neugier. Aus einem geplanten Ablauf wird ein offener Prozess.
Dabei verändert sich auch der Begriff des Sehens selbst. Es geht nicht mehr nur darum, das Offensichtliche zu erkennen, sondern das Potenzial eines Moments zu verstehen. Ein Ort ist nicht das, was er im ersten Augenblick zeigt, sondern das, was er unter bestimmten Bedingungen werden kann. Licht, Wetter, Perspektive und Zeit wirken zusammen und formen immer neue Versionen desselben Raums. Genau darin liegt meine zentrale Erfahrung der Reisefotografie: Kein Ort ist statisch. Jede Szene trägt mehrere Möglichkeiten in sich, die sich erst durch geduldiges Beobachten erschließen. Fotografieren wird so zu einer Form der Annäherung – Schritt für Schritt, Blick für Blick. Es ist der Grund, warum ich einige Orte wieder und wieder besuche, bis mir endlich das Foto gelingt, das ich vielleicht schon seit Jahren im Kopf habe.
Ein neues Leben als fotografierender Nomade
Und so wird unsere Welt größer. Nicht, weil wir mehr Orte besuchen, sondern weil jeder einzelne Ort mehr Tiefe bekommt. Was heißt das aber für mein Leben? Aus der Suche nach Motiven wird irgendwann eine Suche nach Möglichkeiten. Aus einzelnen Reisen entsteht der Wunsch, länger zu bleiben. Und aus diesem Wunsch kann eine radikale Entscheidung wachsen: Das Vertraute hinter sich zu lassen, um dem Drang zu folgen, die Welt nicht nur punktuell, sondern umfassend zu erkunden. In meinem Fall bedeutete das, alle festen Strukturen aufzugeben. Kein fester Wohnsitz, kein Alltag, der unabhängig von Ort und Licht existiert. Stattdessen ein Leben unterwegs – getragen von der Idee, die Welt nicht nur zu bereisen, sondern sie fotografisch zu erschließen.
Gemeinsam mit meiner Frau Naomi begann eine Phase, in der Bewegung zum Normalzustand wurde. Noch ohne Familie im klassischen Sinne, ohne die Verpflich-
→ Im gedimmten
Licht eines stillen Moments wird sichtbar, was sich oft erst auf den zweiten Blick offenbart: die leisen
Geschichten der Menschen.
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