+3 Magazin September 2020 - Page 8

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Karl Lauterbach , Bundestagsabgeordneter und Gesundheitsökonom
Mehr Segen als Gefahr
Aus meiner Sicht wird bisher noch unterschätzt , welche Innovationen in der Medizin von der Künstlichen Intelligenz ausgehen werden . Die KI durchdringt alle Bereiche der Medizin gleichzeitig . Die Digitalisierung erlaubt eine immer präzisere Abbildung von anatomischen Strukturen bis hin zu molekularmedizinischen Prozessen . Bildgebung und Funktionsdiagnostik verschmelzen . Gleichzeitig kann KI die Präzision der Bilder dramatisch verbessern und die Aufnahmezeiten verkürzen . In der Diagnostik können KI-Systeme in Teilen eine Sensitivität und Spezifität für Differenzialdiagnosen ermöglichen , die von gut trainierten Ärzten nicht erreicht werden können . Durch die Vernetzung werden die entsprechenden Befunde überall im Gesundheitssystem zugänglich . Damit verbessert sich nicht nur die Kooperation der Disziplinen . Es wird auch immer leichter , qualifizierte Zweitmeinungen und Befundvergleiche einzuholen . Gleichzeitig werden diese Systeme für Training und Fortbildung von Ärzten eine unschätzbare Ressource sein . In der Medizin sind daher
Dr . med . Monika Gratzke , Medizinische Direktorin Kry
Virtuelle Visite
Die medizinische Versorgung in Deutschland erlebt gerade einen Wandel : Wir sehen , wie wir Dank der Digitalisierung die Möglichkeit haben , den Zugang zur Gesundheitsversorgung einfacher , effizienter und medizinisch hochwertig zu gestalten . Einen großen Beitrag dafür liefern Videosprechstunden , die durch die Covid-19-Pandemie einen riesigen Nachfrageschub erlebt haben . Laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage können sich rund die Hälfte der Befragten vorstellen , Videosprechstunden zu nutzen . Warum auch nicht ? Schließlich gibt es für Patienten und Ärzte
Sabine Körcher , Leserin
Ungleich innovativ
die meisten zum jetzigen Zeitpunkt absehbaren Einsatzgebiete der KI eher ein Segen als eine Gefahr . Schon die Analyse von großen Datenmengen zur Testung wissenschaftlicher Hypothesen für die Krankheitsentstehung ist ohne KI-Verfahren oft nicht möglich . Dabei wird KI nicht in Konkurrenz zum ärztlichen Personal stehen , sondern ein wichtiges Instrument zur Ergänzung und Verbesserung einer guten Medizin werden .
Altes weicht Neuem
Ob Veränderungen durch Innovation für den Einzelnen ein Vor- oder Nachteil sind , sollte jeder für sich selbst entscheiden . Wobei sich diese individuelle Bewertung im Laufe der Zeit ändern kann . Zu bedenken ist , dass fast alle Entwicklungen nicht aufzuhalten sind . Zwei Beispiele : Es gibt momentan einen sanften Übergang vom analogen Brief hin zur virtuellen Nachricht . Den Brief wird nur der Empfänger lesen . Wer dagegen die Mail außer dem Empfänger liest ,
DIES IST EINE GESPONSERTE ANTWORT , ALSO EINE ANZEIGE
In der heutigen Zeit bekommen wir doch kaum noch echte Innovationen zu sehen . Technische Neuerungen werden als Innovationen vermarktet und Jahr für Jahr kommt ein neues Smartphone oder ein neues Auto raus . Nach Definition mag das auch
Günter Kohlbecker , Leser
viele Vorteile : Ärztliche Beratung ist beispielsweise über die App von Kry nahezu rund um die Uhr verfügbar – ohne lange Wartezeiten und Anfahrt . Zudem werden die Praxen entlastet und dadurch das Infektionsrisiko reduziert . Aus Ärztesicht spricht für den digitalen Arztbesuch , dass telemedizinische Beratung zeitlich flexibel und zeitsparend funktioniert . Durch Online-Sprechstunden können zudem neue Patienten gewonnen werden . Dabei wird die medizinische Qualität jederzeit durch interne Leitlinien , engen Austausch und Weiterbildung sichergestellt . Als Ärztin bin ich mir sicher , dass telemedizinische Beratungsleistungen schon bald ein selbstverständlicher Baustein des ärztlichen Portfolios sind . Patienten wie Ärzte werden sich selbstverständlich zwischen digitalen und analogen Angeboten bewegen und Hilfsmittel wie Telemedizin werden auch in der Gesundheitswelt Normalität .
innovativ sein , aber jeden Tag mit neuem Schnickschnack zugekleistert zu werden , ist meiner Meinung nach alles andere als reformierend . Ich hätte gerne wieder jemanden , der sich traut , neue Wege zu gehen . Aber was wäre das Resultat ? Innovationen fordern oftmals Opfer , schaut man sich etwa die Medizin an . Aber diese übersehen wir ja sehr gerne , damit wir ein paar Jahre länger leben können oder
Jürgen Flemming , Pressereferent Bundesverband der Krankhaus-IT- Leiterinnen / Leiter ( KH-IT )
Der Weg ist noch weit
Digitalisierung ist als Schlagwort gerade in Zeiten der Corona-Pandemie in aller Munde . Durch diese besonderen Umstände konnte die Videosprechstunde plötzlich ohne Probleme durchstarten . Auch die Online-Terminvereinbarung und phasenweise die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung per Telefon wurden plötzlich möglich .
wird der Absender nicht erfahren . Zudem haben sich fast kryptische Abkürzungen eingebürgert . Die derzeitige Endstufe sind Smileys . Die Kunst des Schreibens mit seinen individuellen Ausdrucksformen durch verschieden weiche Bleistiftminen oder den Füllfederhalter gerät in Vergessenheit . Bei den Mails versucht man dieses Manko durch Farben , andere Schrifttypen oder Fettdruck unzureichend auszugleichen . Oder nehmen wir die Innovationen beim Auto . Die absolut notwendigen Informationen beschränkten sich früher auf wenige Punkte wie Geschwindigkeit oder Tankinhalt . Heute besteht bei den vielen meist elektronisch übermittelten Informationen die Gefahr , dass der Fahrer unnötig abgelenkt wird oder sich in einer falschen Sicherheit wiegt , weil er der Elektronik völlig vertraut . Bei vielen Innovationen ist zudem eines zu berücksichtigen : Es werden private Daten erzeugt , von Dritten gespeichert und weiterverwendet .
Martin Aufmuth , Gründer und Erster Vorstand Ein Dollar Brille e . V .
Sehen heißt Leben
Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2019 bräuchten rund 950 Millionen Menschen eine Brille , können sich aber keine leisten oder haben keinen Zugang zu augenoptischer Versorgung . Neben Problemen bei der Alltagsbewältigung bleibt den Betroffenen oft auch der Zugang zu Bildung und Arbeit versperrt – Armut ist damit vorprogrammiert . Um das zu ändern habe ich
hunderte Euros in eigentlich sinnlose Technik stecken . Innovation ohne Profit wünsche ich mir , einfach mal der Welt etwas schenken , ohne etwas im Gegenzug zu verlangen . Wer traut sich mal , so einen Schritt zu gehen ?
Pragmatismus und Offenheit gegenüber technischen Neuerungen wurden zum Vorteil der Patienten normal . Aber was ist darüber hinaus passiert ? Im Krankenhaus hat sich da bislang nur wenig bewegt . Einerseits fehlen die finanziellen Mittel , andererseits aber auch qualifiziertes Personal . Bei der finanziellen Ausstattung bewegt sich in naher Zukunft einiges , die Aufholjagd beim Personal wird noch dauern . Was bringt das den Patienten ? Hoffentlich medizinisches und pflegerisches Personal , das dank besserer Technik weniger Zeit mit händischer Dokumentation verschwendet und sich daher besser um die Patienten kümmern kann . Und Patienten , die ihre Daten selber verwalten und datenschutzkonform anderen Leistungserbringern in anderen Sektoren zur Verfügung stellen können . Auch Angehörige von Patienten sollten dann bessere und zeitnahe Informationen über deren Status im Verlauf der Behandlung erhalten . All das sind Zukunftsvisionen , aber sie sind keineswegs neu . Die Kompromissbereitschaft durch Corona und die Bereitschaft der wichtigen Akteure , auch durch finanzielle Förderung die Digitalisierung voranzubringen , lassen neue Hoffnung aufkeimen .
Ihr Name , Leser
Was ist Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns , wie Sie darüber denken – und vielleicht erscheinen Sie dann im nächsten Heft .
vor acht Jahren die Organisation Ein Dollar Brille gegründet . Ihr Ziel ist der Aufbau einer augenoptischen Grundversorgung und die Versorgung mit qualitativ hochwertigen , günstigen und vor Ort produzierten Brillen in Entwicklungs- und Schwellenländern . Dafür bilden wir lokale Fachkräfte in Optik , Brillenproduktion und Management aus . Die betroffenen Menschen erreichen wir unter anderem über eigene Shops und Augenkampagnen . Bis heute haben wir bereits über 260.000 Menschen in neun Ländern mit Brillen versorgt . Außerdem hat unsere Organisation in den Projekten rund 220 Arbeitsplätze geschaffen , darunter auch für Menschen mit körperlichen Einschränkungen . Am meisten bewegen mich die Momente , wenn Menschen ihre neue Brille aufsetzen und vor Freude strahlen , wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben richtig sehen können . Sobald die Corona-Krise es uns erlaubt , planen wir neue Projekte auch in Kolumbien und der Elfenbeinküste . Mit einer Spende , aber auch durch aktive Mitarbeit oder eine Partnerschaft können Sie unsere Arbeit unterstützen : eindollarbrille . de