+3 Magazin September 2020 - Page 20

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Enno Lenzen , Leser
Jürgen Schmude , Präsident Deutsche Gesellschaft für Tourismuswissenschaften ( DGT )
Wieder bewusster
Seit vielen , vielen Jahren fahren die meisten Deutschen normalerweise für ihre Haupturlaubsreise ins Ausland , nur ein Drittel bleibt in Deutschland . Dieses Jahr ist alles anders . In Zeiten von Corona – so haben uns die Politiker erklärt – ist es besser , Urlaub in Deutschland zu machen . Aber die beliebtesten Urlaubsdestinationen an Nord- und Ostsee , in den Mittelgebirgen und den Alpen haben gar nicht die Kapazität , dass wir alle Urlaub in Deutschland machen könnten , und sind auch ohne Corona in der Sommersaison gut gebucht . Auch die Destinationen aus der „ zweiten Reihe “ sind dieses Jahr mit wenigen Ausnahmen „ vollgelaufen “. Was waren die Alternativen ? Balkonien – nicht jeder hat Garten oder Balkon bzw . will in der Stadt bleiben . Naherholung – Tagesgäste sind vielfach unerwünscht , weil sie viel Verkehr produzieren und wenig ( er ) Geld dalassen als Übernachtungsgäste . Virtuelle Reisen – die bieten zwar schöne Bilder , aber zum Reisen gehört mehr als nur das Visuelle . Reiseverzicht – da sich das Reisen zum Grundbedürfnis
Der kleine Urlaub
Ich habe diesen Sommer wegen Corona auf eine längere Reise verzichtet . Aber ab und zu muss man mal raus aus seiner Umgebung . Ich lebe in Berlin und da gibt es nichts Schöneres als zu einem der vielen Seen im Umland zu starten . Mein Paradies liegt nördlich von Berlin . Ein charmantes kleines Strandbad dort ist das Ziel meiner Alltagsflucht . Schon auf dem schmalen Feldweg , der zum See hin führt , beginnt meine Verwandlung . Ich verlangsame . Nachdem ich das weiße Holztor am Eingang passiert habe , lasse ich erst mal den Blick über die Szenerie schweifen . Das freundliche Lächeln der lässigen Betreiber zur Begrüßung , die idyllische Liegewiese unter den hohen Eichen und Buchen , am Ufer die Eisen-Rutsche und die alten Stege aus Weimarer Zeit , dazu diese typische Mischung aus Berliner Stadtflüchtlingen , die überall entspannt herumlümmeln – die ganze Atmosphäre holt mich ab in eine andere Welt . Ich bin angekommen . Ein kühles Bad im See erfrischt meine Gehirnzellen . Danach gibt es die obligatorischen Strandbad-Pommes und ein gutes Buch . Und wenn ich abends vorn auf dem Bootssteg sitze , den Blick gen Westen gerichtet in die langsam über den Baumwipfeln am anderen Ufer untergehende Sonne , fühlt es sich tatsächlich so an , als wäre ich weit weit weg .
entwickelt hat , fällt uns das besonders schwer . Aber vielleicht nutzen wir die Corona-Krise dieses Jahr zum Nachdenken über unser vergangenes und zukünftiges Reiseverhalten : War jede Reise sinnvoll ? Wozu und wie oft muss ich verreisen und wie lange ? Vielleicht reisen wir ja nächstes Jahr – wenn es denn hoffentlich geht – wieder bewusster und schätzen letztendlich jede einzelne Reise wieder mehr . Gute Reise .
Ihr Name , Leserin
Was ist Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns , wie Sie darüber denken – und vielleicht erscheinen Sie dann im nächsten Heft .
Toni Krahl , Leser
Das , was uns ausmacht
Ich habe von keinem Menschen in meinem näheren Umfeld gehört , dass er diesen Sommer größer verreist wäre oder das in den nächsten Monaten vorhat . Stattdessen haben sich viele beschränkt auf das , was man in normalen Jahren sonst immer noch zusätzlich macht : ab ins Auto und
DIE WELT DES REISENS Hotspots für Deutschland und die Welt
DIE BELIEBTESTEN STÄDTE DER DEUTSCHEN …
… im Ausland
… im Inland
Anteil an allen Kurzurlaubsreisen , Reisedauer zwei bis vier Tage
Frankreich
Spanien
USA
China
Italien
Türkei
Mexiko
Thailand
Deutschland
Großbritannien
742 Millionen ( 50,8 %) Europa
1,4 %
Paris
1,0 %
Prag
7,5 %
Berlin
2,2 %
Dresden
0,8 %
Amsterdam
6,3 %
Hamburg
D I E W E LT W EI T 10 B E L I E BT E ST E N R E I S E Z I E L E
Besucher in Millionen ( internationale touristische Ankünfte )
Gesamt : 1.500 ( 3,8 % mehr als 2018 )
364 Millionen ( 24,9 %) Asien / Pazifik
1,2 %
London
2,0 %
Köln
220 Millionen ( 15,1 %) Nord- / Südamerika
44,9
39,7
39,4
36,9
52,2
71 Millionen ( 4,9 %) Afrika
Quellen : DRV , UNWTO , Reiseanalyse 2020
Petra Schulz , Leserin
67,6
64,7
Kommando zurück
1,1 %
Wien
0,6 %
Barcelona
3,4 %
München
1,5 %
Bremen
83,7
78,7
90,2
64 Millionen ( 4,4 %) Naher Osten
Wie sehr hatten wir uns auf den Urlaub gefreut . Mit der ganzen Familie wollten wir an den Strand , Hotel mit Kinderbetreuung und dann die Stornierung sechs Tage vor Abflug . Ab jetzt heißt Urlaub für uns Camping in Deutschland . Die Angst vor Quarantäne macht uns aktuell zu sehr Angst .
ein paar Tage rauf ans nächste Meer . Bei mir und den meisten Leuten aus Familie und Freundeskreis hieß das : Ostsee . Für mich als Kind der DDR ist das auch immer eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit . Die große weite Welt war für mich damals dort zu Ende . Bis heute reise ich ab und zu an die Orte an der Ostseeküste , auf Rügen , Usedom oder dem Darß , an denen ich schon als Kind gewesen bin . Dann erlebe ich diese sentimentalen Momente , die mich mit meiner Vergangenheit verbinden , mit den glücklichen und sorglosen Tagen meiner Kindheit im Ostseesand . Vielleicht ist gerade die richtige Zeit dafür , auf eine Reise in die eigene Geschichte zu gehen . Jetzt , wo es mal nicht drum geht , noch irgendein fremdes Land mehr tausende Kilometer von zu Hause kennenzulernen . Vielleicht entdeckt man bei der Rückkehr an jene Orte etwas von sich wieder , was man schon fast vergessen hatte – und erinnert sich an das Kind , das man einst war .
Marc Rössner , Leser
Kaffee aus der Thermoskanne
Für mich ist immer auch der Weg das Ziel einer Reise . Ich liebe es , ganz früh morgens mit dem gepackten Auto , den verschlafenen Kindern und dem Kaffee aus der Thermoskanne , der eigentlich nur im Auto gut schmeckt , aufzubrechen und durch die langsam wach werdende Stadt dem weit entfernten Ziel entgegenzufahren . Beim Fliegen liebe ich besonders die Zeit nach dem Check-in , wenn man die Mitreisenden in den überteuerten Cafés oder den High-Class-Tand-Läden beobachten kann und sich zu jedem eine Geschichte im Kopf entwickelt . Die Krone des Reisens ist für mich das Segeln auf einem alten Windjammer . Schon der Geruch von Salz , Öl , Holz und einem Hauch Moder verursacht bei mir eine wohlige Gänsehaut . Wenn man dann weit auf der hohen See ist und kein Land mehr sieht , merkt man , was für eine kleine Kreatur man auf dieser großen , schönen Welt ist .
Milosz Petarka , Leser
Zurück zur Familie
Ich wünsche mir nichts sehnlicher , als meine Familie endlich wiederzusehen . Seit Jahren arbeite und lebe ich in Deutschland . Das Leben hier ist gut , viel besser als zu Hause , doch egal , wie gut ein Leben ist , die Familie kann es nicht ersetzen . Oft träume ich davon , alles hinter mir zu lassen und zurückzukehren . Werde ich meine Kinder noch immer unterstützen können , frage ich mich dann . Ihnen Bücher und Hefte kaufen , wenn mein Einkommen einbricht . Ich befürchte nicht . Und so bleibt mir und vielen anderen nichts weiter übrig , als ein Leben in Einsamkeit zu führen . Es kommen bessere Zeiten . Ganz bestimmt .