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WIR FRAGEN :

WODURCH STÄRKT MAN DIGITALE KOMPETENZEN ?

© iStock ./ Todor Tsvetkov
19 Millionen Menschen in Deutschland haben während der Corona-Pandemie „ Digital Detox “ versucht und abgebrochen .
Quelle : Bitkom
Max Thinius , Futurologe
Bildet Strukturen
Seit 2010 leben wir offiziell im digitalen Zeitalter , nicht mehr im industriellen . Das hat weniger mit dem Smartphone oder Technologien zu tun , sondern am meisten mit neuen Strukturen . Die Dampfmaschine hat zu Beginn der Industrialisierung die Städte wachsen lassen , Gewerkschaften und neue Sozialgesetze entstanden , das Bankgeld wurden erfunden und ein soziales Gesundheitssystem etabliert . Der Alltag hatte sich zu über 80 Prozent geändert . Das Meiste davon war positiv . Vor 100 Jahren sind neue Strukturen entstanden , in denen wir bis heute gelernt haben , zu leben .
Für die wir auch bestimmte Kompetenzen ausgeprägt haben . Jetzt im digitalen Zeitalter ändern sich unsere Strukturen erneut : Städte , Arbeit , das Gesundheitssystem und viele neue Gesetze . Auch für diese Strukturen müssen wir die richtigen Kompetenzen ausprägen . Aber das ist nicht so einfach . Denn die meisten Unternehmen verwenden heute zwar digitale Technologien , sind aber immer noch industriell strukturiert : Daten werden bei einigen wenigen zentral gelagert statt bei jedem Einzelnen von uns . Wir können digitale Erfahrungen momentan nur durch diese „ Filter “ sammeln , gar nicht wirklich unsere Möglichkeiten ausschöpfen und die dafür notwendigen Kompetenzen , also Future Skills , ausprägen . Das heißt : wir könnten schon . Wenn wir uns dessen bewusst sind , hinter die Kulissen schauen , uns mit Mut im Neuen ausprobieren und anfangen , selbst eigene digitale Strukturen zu bilden .
Anja Bensinger-Stolze , Vorstandsmitglied Schule , Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ( GEW )
Über alle Fächer
Kinder des 21 . Jahrhunderts lernen oft bereits im Vorschulalter , digitale Technologien anzuwenden . Neben der Anwendungskompetenz sind aber auch Kompetenzen gefragt , die auf den ersten Blick nichts mit Anwendungstechnik zu tun haben . Zentral ist etwa die Fähigkeit , Informationen zu filtern – die Informationskompetenz . Hier zeigt sich ein Widerspruch der digitalen Welt : Immer mehr und schnellere Informationen bedeuten noch lange nicht qualitative und vertrauenswürdige Informationen . Schülerinnen und Schüler sollen in der Schule einen kreativen , emanzipierten Umgang mit
digitalen Medien lernen – die Medienmündigkeit . Das geht aber nur , wenn sie die elementaren analogen Kulturtechniken Lesen , Rechnen und Schreiben sicher beherrschen . Auch die Strukturen der digitalen Gesellschaft sollen im Unterricht Thema werden : Wie funktioniert Wirtschaft im digitalen Kapitalismus ? Wie werden unsere Daten zur Ware ? Und wollen wir das ? Immens wichtig ist sowohl der technische als auch der kritische Blick hinter die Funktionsweise von Algorithmen und das Programmieren . Datenkompetenz fördert nicht nur das Verständnis und die Interpretation von Datenverarbeitung , sondern auch deren kritisch-reflexive Betrachtung . Zur Förderung digitaler Kompetenzen müssen alle Unterrichtsfächer einen Beitrag leisten – vernetzt und mit selbstgesteuerten Lernformen . Das Ziel : Junge Menschen sollen lernen , emanzipiert in der digitalen Welt zu navigieren und diese zu gestalten .