+3 Magazin Oktober 2019 | Page 12

+2 12 Stephan Weil, Ministerpräsident Niedersachsen Strategie entscheidet Der Fachkräftemangel wird immer mehr zum Bremsklotz der Wirtschaft. Ich bin viel in Niedersachsen unter- wegs und noch vor einigen Jahren klagten Handwerk und Industrie vor allem über Steuern und Bürokratie. Mittlerweile sind bei diesen Gesprä- chen die fehlenden Nachwuchskräfte das vordringlichste Problem. Nieder- sachsen hat bereits vor fünf Jahren mit zahlreichen Arbeitsmarktpart- nern eine Fachkräfteinitiative gestar- tet. Mit vielen Beteiligten wird seit- dem an Lösungen gearbeitet. Klar ist allerdings, es gibt nicht den einen Lösungsansatz, sondern es muss auf vielen unterschiedlichen Ebenen ge- handelt werden. Die von mir geführ- te Landesregierung hat beispiels- weise vor kurzem das Schulgeld für Gesundheitsberufe abgeschafft. Jetzt werden sich hoffentlich wieder mehr junge Leute etwa für eine physiothe- rapeutische Ausbildung entscheiden. Für Pflegekräfte benötigen wir einen guten Flächentarifvertrag, damit der Beruf wieder attraktiver wird. Mit Blick auf die zunehmende Digitali- sierung brauchen wir eine kluge Aus- und Weiterbildung. Informatik sollte als Schulfach in ganz Deutschland eingeführt werden. Mit seiner Nati- onalen Weiterbildungsstrategie setzt der Bundesarbeitsminister bei der wichtigen Fortbildung von Arbeiter- nehmerinnen und Arbeitnehmern auf den richtigen Weg. Fest steht aber auch: Deutschland ist auf die Zuwan- derung von Fachkräften angewiesen. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz geht in die richtige Richtung, reicht aber nicht aus. Imke Lohmann, Leserin Universelle Qualitäten These: Heute verlieren viele Fachkräf- te zu viel Zeit für Tätigkeiten, für die sie keine Fachkräfte sind. Während sie in der Konsequenz darüber nach- denken, wie sie sich vervielfältigen können, um die Aufgaben zu erledi- gen, geht es in kleinen Organisationen agil zu, weil weniger Menschen eher alles machen. Sie wissen sich zu hel- fen, weil sie es müssen. Sie schöpfen die Innovationsquellen und die Po- wer des „Nicht-Wissens“ auf eine für sie logische Art und Weise aus. Viele Entrepreneure tun das Gleiche: Sie unternehmen und lassen sich helfen, weil sie sich zu helfen wissen. Ich bin überzeugt, dass wir Menschen mehr Zu-Mutungen benötigen, um in Kon- takt mit Empowerment und Kreativi- tät zu kommen. Entlarven wir unsere blinden Flecken als Fachidioten und verlassen wir die Sicherheiten unse- Gerd Eisenbeiß, Leser Auf dem Holzweg Deutschland hat sich mit seiner Dis- ziplin und Kompetenz in eine un- glückliche Situation manövriert, die zu einem Leistungsbilanzüberschuss von grob 300 Milliarden Euro pro Jahr geführt hat. Die Folge ist, dass viel zu viele Menschen in Deutsch- land für diesen Überschuss und nicht für die Bedürfnisse der eigenen Be- völkerung arbeiten. Man verdient mit diesem Überschuss ein Vermögen mit Schuldverschreibungen an Defi- zitländer, aber keinen Wohlstand für alle. Obendrein bestehen erhebliche Zweifel, ob die Schulden je bezahlt werden, ob also die verdienten Ver- mögen nicht Illusion sind. Besonders abstrus wird es, wenn man zur Auf- rechterhaltung dieser hamsterartigen Ökonomie auch noch Fachkräfte aus nichteuropäischen Ländern impor- tiert, gerade jene gut ausgebildeten jungen Menschen, die ihren eigenen Gesellschaften zur Verfügung stehen sollten. Fachkräfte wären in Deutsch- land und seinen EU-Partnern für alle genug da, wenn man die Leistungs- bilanz herunterfahren, die Einkom- mensverhältnisse zugunsten inlän- discher Bedürfnisse wie der Pflege verbessern und die Ausbildung jun- ger Menschen in Deutschland mehr auf eigene Bedarfsfelder als auf ex- portorientierte Berufe hinsteuern würde. Wie man die Leistungsbilanz normalisieren kann? Durch Ver- minderung der überhöhten Wettbe- werbsfähigkeit, etwa durch kräftige Lohnerhöhungen oder – ökologisch besser – durch entsprechende Ar- beitszeitverkürzungen. ALARMSTUFE ROT In manchen Branchen ist der Fachkräftemangel heute bereits deutschlandweit Realität Fachkräftemangel Anzeichen für Fachkräftemangel Keine Anzeichen für Engpässe Keine Daten aufgrund kleiner Größenordnungen › Im Bereich Informatik, Softwareentwicklung und Programmierung und IT-Anwenderberatung Im Bereich Energietechnik Quelle: Bundesagentur für Arbeit Achim Dercks, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK) Der Druck wächst Der Fachkräftemangel ist für die Un- ternehmen in Deutschland das Ge- schäftsrisiko Nummer eins. Das sehen aktuell fast 60 Prozent der Unterneh- men so, vor weniger als zehn Jahren waren es nur 16 Prozent. Der Blick auf die Demografie zeigt, dass die Fach- kräftesicherung künftig Unterneh- rer Vorstellungen, die vor neuen We- gen stehen. Überfordern wir uns und wachsen wir über uns hinaus. Die Fachlichkeit, die Perfektion und das „Made in Germany“ haben uns weit gebracht. Für die Zukunft ist das kein Erfolgsrezept mehr. Wichtig wird sein, einen Dialog darüber zu führen, ob die Produktivität zukünftig als Messlat- te für die Entlohnung zählt oder die Fachlichkeit. Beerdigen wir unsere weitverbreitete Haltung, zu können, zu wissen und damit Ergebnisse zu kontrollieren. Nutzen wir die Wegbe- schreibung, die uns zu Neugierde und Menschlichkeit rät, damit wir fragend finden, was uns guttut. men und Politik stark bewegen wird. Denn die Zahl der Menschen im Er- werbsalter nimmt in den nächsten 15 Jahren um bis zu sechs Millionen ab – und das auch nur unter der Annah- me weiterer Zuwanderung. Immer häufiger finden Unternehmen schon heute keine passenden Mitarbeiter mit einer Berufsausbildung. Deshalb ist es wichtig, die duale Ausbildung zu stärken – zum Beispiel durch eine praxisorientierte Berufsorientierung gerade an Gymnasien, die realistisch und fair die Verdienstmöglichkeiten und Karrierechancen in verschiede- nen Berufen aufzeigt. Zudem muss es uns gelingen, die Menschen noch Friedrich Schönhoff, Leser Der Gier geschuldet Um vor allem in der Pflege die Frage zu beantworten, woher das Personal für morgen kommt, sollte man einen Blick in die Vergangenheit werfen. In den personell entspannten Zeiten der 1990er-Jahre haben viele tariflich ge- bundene Träger durch die Gründung eigener Zeitarbeitsfirmen die Perso- besser in Beschäftigung zu bringen. Dies gilt etwa für Eltern, die nach einer Kinderpause wieder einsteigen möchten – aus Sicht der Betriebe ger- ne auch mit längeren Arbeitszeiten. Der weitere Ausbau einer guten und flexiblen Kinderbetreuung ist daher unerlässlich. Auch die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte kann den Unternehmen helfen, offene Stellen zu besetzen. Mit dem neuen Fach- kräfteeinwanderungsgesetz will die Bundesregierung gerade für beruflich Qualifizierte den Zuzug erleichtern. Jetzt kommt es darauf an, diese Rege- lungen in der Praxis unbürokratisch umzusetzen. nalkosten gesenkt. Später begann man, die Bereiche, die nicht das Kernge- schäft Pflege betrafen, etwa die Haus- wirtschaft, outzusourcen. Da war die Gier nach Gewinnmaximierung größer als die Wertschätzung der eigenen Mit- arbeiterschaft. Hinzukommt, dass seit vielen Jahren Führungskräfte in der Pflege fehlen. Woher sollen sie auch kommen. Niemand wird Altenpfleger, um in der Bereichsorganisation, Kun- denpflege oder Personalführung tätig zu sein. Das aber sind heute Kernauf- gaben der Wohnbereichsleitungen, die, gemessen am Mehraufwand, nicht ge- nug geschult und erst recht nicht ange- messen bezahlt werden.