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WIR FRAGEN :

WIE FÖRDERT MAN FORTSCHRITT ?

1953 wird der gestreifte Fußgängerüberweg in die Straßenverkehrsordnung aufgenommen – im Beamtendeutsch damals „ Dickstrichkette “ genannt .
Quelle : wdr . de © iStock ./ Orla
Richard Branson , Unternehmer
Mut zum Scheitern
Es ist so eine Sache mit dem Fortschritt , denn entgegen landläufiger Ansicht ist er meist alles andere als linear . ( Weiter- ) Entwicklung bedeutet auch Innehalten , den Schritt zur Seite und eine Rückschau auf das , was gut und was weniger gut funktioniert hat . In den mehr als fünf Jahrzehnten meiner unternehmerischen Karriere hat das immer bedeutet , Fehltritte und Misserfolge als Chance zu begreifen , vielleicht sogar zu begrüßen . Niederlagen sind ein beachtlicher Motor des Fortschritts – vorausgesetzt , man ist willens , die Dinge beim nächsten Mal besser zu machen . Bei Virgin hat
das immer bedeutet , dass Perfektion keine Einstellungsvoraussetzung ist . Was zählt , sind Offenheit , das Bewusstsein der eigenen Grenzen ( auch meiner eigenen ) und die Fähigkeit zum kritischen Denken . Ich erinnere mich noch gut an die 1990er-Jahre , als die Faszination des Internets und die Möglichkeiten des elektronischen Handels uns das Gefühl gaben , Fortschritt sei die Flucht nach vorne , ganz egal in welcher Branche . Alles schien möglich . Das Ergebnis waren Wildwuchs und Beliebigkeit – klägliches Scheitern inbegriffen . Wir mussten lernen , dass Erfrischungsgetränke ( Virgin Cola ) und Brautmoden ( Virgin Brides ) einfach nicht zu unserem Kerngeschäft gehören . Aus dieser Erkenntnis erwuchs eine schlankere Marke mit Fokus auf jene Sparten , in denen wir glaubhaft und effektiv Innovation und positiven Wandel vorantreiben können . Nur so klappt es auch mit dem Fortschritt .
Florian Heinemann , Unternehmer und Investor
Unverstellter Blick
Wer dauerhaft erfolgreich sein will , braucht kontinuierlich Innovation . Entscheidende Innovationen kommen dabei häufig von Leuten , die einen unverstellten Blick auf die Sache haben . Oft sind das jüngere Leute mit wenig Erfahrungswissen . Damit das jedoch passieren kann , müssen Mitarbeiter oder Teams das Gefühl haben , dass sie sich mit innovativen Ideen einbringen können und das auch positiv wahrgenommen wird . Es muss also klar sein , dass sie das können und dürfen – und dass es auch gewollt ist . Dieser Dreiklang ist entscheidend , kombiniert mit den entsprechenden
Ressourcen . Wenn man es schafft , eine derartige Kultur in der eigenen Organisation zu etablieren , passiert Innovation häufig von ganz allein . Schließlich suchen gerade die talentierten Leute nach inhaltlichen Herausforderungen . Sie wollen an neuen , innovativen Themen arbeiten und sich einbringen . Hat man diese Bereitschaft zur Innovation gehoben , muss man nur noch die Richtung vorgeben – wir nennen das „ Nordstern “. Der Nordstern ist die Antwort auf die Frage : „ Wohin wollen wir eigentlich ?“ Die Innovation erfolgt dann eher nach dem Bottom-up-Prinzip , ähnlich wie an Universitäten . Gelingt dies , sind nicht nur die Mitarbeiter zufriedener . Es bringt vor allem eine Dynamik in Gang . Gerade in der Startup-Welt setzen diese größeren Freiheitsgrade und eine gewisse Performance-Kultur , wo die besten Ansätze weiterentwickelt werden , wahnsinnig viel Energie und Innovationskraft frei .