+3 Magazin Mai 2022 - Page 11

+ 2
11
Hildegard Müller , Präsidentin Verband der Automobilindustrie ( VDA )
Aus Innovation wird Transformation
Die deutsche Automobilindustrie versteht die größte Transformation ihrer Geschichte als Chance . Wir treiben den Wandel mit Rekordinvestitionen für Innovationen voran , allein rund 220 Milliarden Euro bis 2026 . Für das schnellstmögliche Realisieren einer klimaneutralen Mobilität sind neben dem Einsatz der Unternehmen die politischen Rahmenbedingungen entscheidend . Ein wettbewerbsfähiger Standort ist Grundlage für eine erfolgreiche Transformation , gerade für den Mittelstand . Ohne bezahlbare und verlässlich zur Verfügung stehende Energie , ohne Steuern und Abgaben , die international wettbewerbsfähig sind , ohne Planungs- und Genehmigungsverfahren , die Tempo erlauben , und ohne eine Digitalisierung , die die Umsetzung von Innovationen möglich macht , kann diese Aufgabe nicht gemeistert werden . Es geht um die Zukunft unseres Industriestandorts . Eine Zukunft , die auch durch engagierte Handels- , Rohstoff- und Energieaußenpolitik abgesichert werden muss . Eines dürfen wir nicht vergessen : Klimaprobleme müssen global gelöst , Klimaschutz global gedacht werden . Wir dürfen keine Technologie ausschließen , die weltweit gebraucht wird , um die ambitionierten Klimaziele im Straßenverkehr zu erreichen . Es braucht mehr Dialog , mehr Innovation , weniger Festlegung und mehr Freiheit . Technologieoffenheit ist dabei die Chance , zu weltweiten Pionieren zu werden : Das Potenzial unserer Industrie ist gewaltig . Wir müssen alles dafür tun , dass es sich entfalten kann .
Angebot vor Preis
MEHR PLATZ MIT ÖPNV Was Verkehrsmittel in der Stadt an Raum brauchen
Um 20.000 Menschen pro Stunde und Richtung zu befördern , braucht eine Stadt : 12 Fahrbahnen für Pkw
9 Spuren für Busse
1 Gleis für U-Bahn
Ingo Wortmann , Präsident Verband Deutscher Verkehrsunternehmen ( VDV )
Quelle : VCÖ
Das Neun-Euro-Ticket ist ein Experiment . Noch nie wurde in einem Land wie Deutschland der Preis derart drastisch gesenkt . Millionen Deutsche werden es nutzen , nicht nur für den Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen , sondern auch für Fahrten quer durchs Land . Dabei geht es nicht um die günstige Urlaubsanreise : Der Bund verfolgt das Ziel , die Menschen zu entlasten . Es ist eine einmalige Sondermaßnahme , die 2,5 Milliarden Euro kostet . Viel Geld . Doch ist das schon die Mobilitätswende , die wir so dringend brauchen , um die Klimaschutzziele im Verkehrssektor bis 2030 zu erreichen ? Mitnichten . Denn die Menschen steigen nur dann dauerhaft ein bei Bus und Bahn , wenn sie ein gutes ÖPNV-Angebot in der Nähe haben . Während wir in den Städten oftmals zwar dichte Takte haben , die Verkehrsmittel aber , zumindest vor Corona , trotzdem überlastet sind , fährt auf dem Land häufig nur der Schulbus . Da hilft auch kein Neun- Euro-Ticket . Der Schlüssel liegt darin , den klassischen ÖPNV auszubauen und um flexible , kleine Rufbusse – buchbar per App – zu ergänzen . Doch Ausbau und Betrieb kosten viel Geld . Die Bundesregierung stellt eine Aufstockung der Mittel in Aussicht , aktuell ist aber nicht sicher , ob dieses Versprechen auch eingehalten wird . Laut Koalitionsvertrag soll Deutschland auch schneller werden beim Planen und Bauen , auch hier ist nur wenig passiert . Aber nur so können wir mehr Menschen mit Bus und Bahn befördern und mehr Güter auf die Schiene bringen .
BLITZUMFRAGE
Hans-Peter Kleebinder , Studienleiter „ Smart Mobility Management “ - Programm , Universität St . Gallen
Smart unterwegs
Die Corona-Pandemie war ein Transformationsbeschleuniger für die überfällige Mobilitätswende . Durch die vielen Einschränkungen ist uns nochmal bewusst geworden , wie wichtig Mobilität ist . Aktuell sind mehr Menschen unterwegs denn je , was zu mehr Verkehr führt . So wird etwa
die Ankunftszeit von Autofahrten immer unkalkulierbarer . Es braucht also dringend einen intelligenteren Einsatz von Blech und Asphalt . Ein erster Ansatz ist Sharing , also mehr Mitfahrgelegenheitsdienste annehmen oder selbst anbieten sowie innerhalb von Städten auf Sammeltaxis umsteigen . Aktuell sitzt bei 90 Prozent der Autofahrten in Deutschland nur eine Person im Auto und das mit einer Nutzung von durchschnittlich 45 Minuten am Tag – eine Auslastung der theoretischen Kapazität von unter einem Prozent . Ein zweiter Ansatz liegt in der Umgestaltung unserer Städte . Wir sollten den städtischen Raum
neu und gerechter verteilen , indem wir zumindest die gleichen Bedingungen für Vierräder , Zweiräder und Fußgänger schaffen . Oder indem wir Fahrradschnellstraßen bauen , etwa auf Stelzen über Straßen . Ein dritter Ansatz ist die Mikromobilität . Kleinund Leichtfahrzeuge bedeuten weniger Platz zum Parken , weniger Ressourcenverbrauch bei der Herstellung und beim Gebrauch . Diese drei Ansätze zeigen , dass die Mobilitätswende keinen Verzicht darstellt , sondern uns die Chance gibt , die Klimaziele einzuhalten , während Mobilität ein wichtiger Bestandteil unserer Lebensqualität bleibt .
Lukas Neckermann , Leser
In allen Fällen geht es ja um die effizientere Nutzung der Infrastruktur . Fangen wir doch damit an , nicht alle zwischen 8 und 10 und zwischen 16 und 18 Uhr auf die Straßen zu jagen . Time-Shifting wird durch Remote Working ermöglicht und verringert Stauvorkommen . Dann Parkplätze in der Stadtmitte reduzieren und mal Wohnungen und kommerzielle Distrikte ohne Parkplätze bauen . Zeichen setzen : Hier sind Begegnungen und aktive Mobilität gefragt und parkende Blechhaufen unerwünscht .
Milan Dolinar , Leser
Beschleunigung der ( Auto- ) Mobilitätswende Welcher Ansatz hat den größten Erfolg ?
Umgestaltung der Städte
Sharing
Mikromobilität

64 %

19 %

17 %

U m f ra g e u n te r 1 0 8 L i n ke d I n - U se r n , Ma i 202 2
Quelle : LinkedIn / Hans-Peter Kleebinder
Julien Figur , Leser
Ich bin überzeugt davon , dass ein neues Bewusstsein weg von Status und Besitz , hin zu mehr Sharing die Mobilität der Zukunft gravierend verändern wird . Weitermachen wie bisher ist auf jeden Fall nicht die Alternative . Mit Machen können wir heute und unmittelbar etwas verändern .
Stefan Mueller , Leser
Urbane Zentren sind der Schlüssel hin zu einer neuen Mobilität . Lebenswerte Konzepte müssen vorgedacht werden , um Akzeptanz für Veränderung zu erzeugen . Vorreiter wie die „ Fahrradstadt “ Kopenhagen haben das bereits bewiesen .
Sophia Charlotte Hoge , Leserin
Sowohl Mikromobilität als auch Sharing-Angebote werden Teil der Mobilität der Zukunft sein . Aber diese Angebote können nur so erfolgreich sein , wie die Infrastruktur es zulässt . Entsprechend muss bei der Umgestaltung des Stadtbilds als erstes angesetzt werden und dabei kommen wir um radikale Änderungen nicht drum herum : Autostraßen werden zu breiten Radwegen . Großflächige Parkplätze werden überdachten Mobilitätshubs weichen müssen , die dann Mikromobilitätsangebote gebündelt anbieten und bestenfalls an ÖPNV-Knotenpunkte geknüpft sind . Die Bedachungen der Hubs werden mit Solaranlagen ausgestattet , sodass verstärkt Ökostrom erzeugt werden
Vielleicht liegt der Ansatz eher in der Organisation von Arbeit und Beruf ? Wenn ich nicht in die Stadt zum Arbeiten fahren muss oder raus ins Industriegebiet , dann spare ich Mobilität . Das wäre vermutlich am ehesten in der Stadtplanung umsetzbar , also Punkt eins .
kann . Parkplätze vor der Haustür werden begrünt , es gibt Bäume , Spielplätze und Sitzbänke . Für weitere Strecken stehen der ( bis dahin komplett ) emissionsfreie ÖPNV oder Car- Sharing-Angebote zur Verfügung . Dann machen das Radeln und der Spaziergang überhaupt erst wieder Spaß , die Verkehrssicherheit steigt , das Klima verbessert sich und Städte werden lebenswerter und lebendiger .