+3 Magazin Mai 2022 - Page 10

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WIR FRAGEN :

WIE BESCHLEUNIGEN WIR

DIE MOBILITÄTSWENDE ?

Eine tägliche Fahrradstrecke von 4,5 Kilometern senkt das Herzinfarktrisiko um 50 Prozent .
Quelle : tk . de © iStock ./ Suzi Media Production
Stadt für alle
Helmut Dedy , Hauptgeschäftsführer Deutscher Städtetag
Wo heute noch Autos wertvollen öffentlichen Raum in den Städten zuparken , werden wir in Zukunft mehr Vielfalt haben : Radwege , Grünflächen , verkehrsberuhigte Zonen , Gastronomie , Spiel , Sport , kluge Mobilitätsstationen für alle Formen der Mobilität . Einiges davon ist heute schon in den Städten sichtbar . Zum Beispiel ehemalige Kfz-Fahrstreifen , die nun geschützte Radwege sind . Radschnellwege , die das Umland mit dem Stadtzentrum verbinden . Parkhäuser , die auch E-Ladestationen sind und Stellplätze für Fahr- und Lastenräder bieten . Die autogerechte Stadt
hat ausgedient . Die Stadt gehört allen . Staus , Abgase , Lärm – das müssen wir nicht nur für das Klima , sondern auch für mehr Lebensqualität überwinden . Nur Verbrenner- durch E-Autos zu ersetzen , ist keine Verkehrswende . Damit mehr Menschen das Auto stehen lassen , brauchen wir gut ausgebaute Verbindungen mit Bus und Bahn , eng getaktet und digital gesteuert . Kurzfristige Aktionen wie das Neun-Euro- Ticket schaffen mehr Aufmerksamkeit für den Nahverkehr . Doch ich bin skeptisch , ob es zu langfristigen Effekten kommt . Mehr Qualität im Nahverkehr geht eben nur mit mehr Verlässlichkeit bei der Finanzierung . Bund und Länder sitzen an den entscheidenden Hebeln . Wir brauchen feste Zusagen . Vor allem die dauerhaften Mittel für den ÖPNV müssen den tatsächlichen Investitionsbedarfen und Betriebskosten angepasst werden . Dann können die Städte mehr investieren und die Mobilitätswende beschleunigen .
Katrin Habenschaden , Zweite Bürgermeisterin Stadt München
Vernetzt unterwegs
Es klingt nach der Quadratur des Kreises : Während die privaten und gewerblichen Mobilitätsbedürfnisse steigen , haben Städte wie München das Ziel ausgegeben , Verkehrsbelastungen für die Bürger : innen zu reduzieren . Aus Gründen des Klimaschutzes , aber auch vor dem Hintergrund einer sich verändernden Ästhetik innerhalb der Bevölkerung bezüglich der Gestaltung ihres Lebensumfelds . Es ist nicht mehr zeitgemäß , Städte mit privaten Autos vollzustellen , die die meiste Zeit des Tages nicht bewegt werden . Dafür ist unser begrenzter urbaner Raum zu kostbar . Eine neue Kultur des Teilens
statt des Besitzens kann Individualität ermöglichen und unsere Städte entlasten . Car-Sharing , Pooling , digitale Vernetzung der Verkehrsmittel , darin liegen für Ballungsräume immense Potenziale . Das Smartphone ist der Dreh- und Angelpunkt der multimodalen Verkehrswelt der Zukunft . Es wird der Generalschlüssel sein für einen riesigen Fuhrpark umweltfreundlicher Verkehrsmittel , auf den allzeit zugegriffen werden kann . Dadurch wird Verkehr effizienter und individueller gestaltet . Hinzu kommt das autonome Fahren , das meiner festen Überzeugung nach unsere Mobilität revolutionieren wird , in Debatten aber oft nur eine Nebenrolle spielt . Wir müssen aufhören , uns im verkehrspolitischen Gegenwartsdiskurs zu verfranzen und stattdessen die am Horizont bereits deutlich sichtbaren Chancen der digitalen Mobilität der Zukunft ergreifen . Etwas mehr Mut kann uns nicht schaden .