+3 Magazin Mai 2021 - Page 25

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DER TRAUM VOM SCHWEBEN

Können urbane Seilbahnen den öffentlichen Nahverkehr ergänzen ?

Über die Dächer der Stadt gleiten , leise und umweltschonend per Gondel von A nach B kommen – das ist die Vision der Seilbahn-Befürworter . Ein verändertes Stadtbild und mangelnder Datenschutz – davor warnen die Gegner . Doch gerade in Großstädten , wo der Straßenverkehr an seine Grenzen stößt und auch die öffentlichen Transportmittel völlig ausgelastet sind , wird immer mehr über urbane Seilbahnen diskutiert . Sebastian Beck , Infrastruktur-Experte vom Planungsund Beratungsunternehmen Drees & Sommer , gibt einen näheren Einblick in die Thematik .
Herr Beck , das Thema „ Urbane Seilbahnen “ nimmt aktuell stark Fahrt auf . Woran liegt das ?
Vor allem liegt das daran , dass die Straßen oder der öffentliche Nahverkehr – gerade in größeren Städten – völlig überlastet sind und die Infrastruktur an ihre Grenzen stößt . Der Bau von U-Bahnen ist einer Seilbahn , die städtebauliche Integration und die Verknüpfung mit dem ÖPNV . Unsere Studie leiten wir aus der Untersuchung von internationalen Seilbahnen wie beispielsweise in Brest , Ankara oder La Paz ab und sammeln daraus Erkenntnisse für mögliche Seilbahnprojekte in Deutschland . Im Fokus stehen dabei vor allem gesellschaftliche und politische Aspekte , der Vergleich von Kosten und Nutzen sowie die Einführung eines nationalen Standards . In erster Linie geht es aber darum abzuwägen , wo eine Seilbahn überhaupt sinnvoll ist und wo nicht . Ursprung des Vorhabens war eine Gesetzesänderung Anfang 2020 , als Seilbahnen zum förderungsfähigen Teil des ÖPNV erklärt wurden .
Welche Voraussetzungen müssen Ihrer Meinung nach erfüllt werden , damit Seilbahnen auch als städtisches Transportmittel eine Zukunft haben ?
Das allerwichtigste ist , dass sie in den ÖPNV integriert werden und nicht nur als touristische Attraktion gelten , so wie die bereits vorhandenen Seilbahnen beispielsweise in Köln und Koblenz . Eine große Rolle spielt zudem der Rückhalt der Bürger . Denn obwohl im Vorfeld häufig und heftig umstritten , wollen die Menschen dort , wo sie umgesetzt ist , ihre Seilbahn nicht mehr missen . Ein transparenter Prozess ist deshalb das A und O . Und das wiederum kann nur gelingen , wenn die Bevölkerung in dieser Thematik von Beginn an „ mitgenommen “ wird . Denn nur wer den Dialog sucht und offensiv kommuniziert , kann auch die Bedenken der Menschen berücksichtigen und ausräumen – das ist auch eines unserer Ziele bei der Erstellung des Leitfadens . Da eine Seilbahn außerdem städte- und gebäudeplanerisch enorm viele Möglichkeiten bieten würde , müssen wir lernen , hier neu zu denken . Eine Trasse inklusive ihrer einzelnen Stationen wäre nämlich viel besser in eine Stadt zu integrieren , als man anfangs denkt . Beispiel : Eine Station könnte problemlos auf dem Dach neuer Gewerbeimmobilien oder Lagerhallen geplant werden . Dazu müssen wir uns aber von dem gewohnten Gedanken lösen , ein Gebäude grundsätzlich über das Erd- oder Untergeschoss zu betreten . Das Gleiche geht nämlich auch von ganz oben .
Welche Herausforderungen tauchen in Verbindung mit urbanen Seilbahnen immer wieder auf ?
Für ein urbanes Seilbahnsystem gibt es kein Patentrezept . In jeder Stadt ist die Infrastruktur , das Verkehrsaufkommen oder die Topografie unterschiedlich . Was in Stadt A super funktionieren würde , könnte in Stadt B hingegen überhaupt keinen Sinn ergeben . Deshalb muss jeder Ort ganz individuell betrachtet werden , inwiefern eine Seilbahn sinnvoll wäre . Dann gibt es noch die Kritiker , die sich auf Datenschutz und Privatsphäre berufen , weil Gondeln über private Grundstücke hinweg schweben könnten . Aber dieses Problem ließe sich dank moderner Technik lösen . Das sogenannte Privacy Glass könnte die
© zatran GmbH / Drees & Sommer
Die Haltestelle einer urbanen Seilbahn – so könnte sie aussehen . Doch ob und wie die umweltschonenden Transportmittel künftig in den ÖPNV integriert werden könnten , damit beschäftigt sich zurzeit Infrastruktur-Experte Sebastian Beck vom Stuttgarter Planungs- und Beratungsunternehmen Drees & Sommer .
Sebastian Beck , Drees & Sommer teuer und neue Straßen sind platzbedingt kaum mehr möglich . Im Zusammenhang mit dem Nachhaltigkeitsgedanken , der hierzulande immer mehr aktiv gefördert wird , hat das zu einem Umdenken geführt . Eine sehr gute Alternative , die Städte künftig grüner und umweltbewusster zu gestalten , können hierbei deshalb in der sogenannten Ebene + 1 die urbanen Seilbahnen sein . Wichtig : Sie müssen dabei in das ÖPNV-System integriert werden . Ganz davon abgesehen , dass die Seilbahnen das Stadtbild neu prägen und zu einer echten Attraktion werden würden .
Drees & Sommer erarbeitet momentan mit dem Bundesministerium für Verkehr und Infrastruktur einen Leitfaden zur „ Realisierung von Seilbahnen als Bestandteil des öffentlichen Personen-Nahverkehrs “. Was hat es damit auf sich ?
Unser Ziel ist es , Anreize für ein besseres Verkehrssystem und für eine nachhaltige Mobilität zu setzen . Dazu ermitteln wir den optimalen Einsatz
Scheiben während der Fahrt zeitweilig verdunkeln , um die Einsicht auf Privatgrundstücke zu schützen . Meistens jedoch kommt bei den Seilbahn-Gegnern das Sankt-Florian-Prinzip zum Tragen : Das bezeichnet die Einstellung von Personen , welche die Vorteile fortschrittlicher Technologie zwar nutzen , im eigenen Umfeld aber keine Nachteile in Kauf nehmen wollen .
Angenommen , wir schrauben die Zeit um zehn Jahre nach vorne – wie normal sind Seilbahnen in Großstädten ?
Seilbahnen sind effizient , umweltschonend , leise und nicht zuletzt extrem sicher – das alles sind Faktoren , die in Zukunft eine immer größere Rolle in der Gesellschaft einnehmen werden . Daher bin ich fest davon überzeugt , dass sie – sofern sie sinnvoll eingesetzt werden – ein fester Bestandteil unseres Alltags werden und wir in ein paar Jahren schon die Option haben , zur Arbeit oder in die Innenstadt zu schweben .
Mehr Informationen unter : dreso . com