+3 Magazin Mai 2015 - Page 12

+3 12 WAS BEDEUTET ARBEITSPLATZKULTUR? WIR FRAGEN: ... und was ist Ihre Meinung? www.plus-drei.de antwort@plus-drei.de Auf einen Cowboy kommen in den USA rund 10.000 Rinder. Quelle: U. S. Bureau of Labor Statistics, Bloomberg © Tomas Munita/National Geographic Creative/Corbis Nicole Kobjoll, Geschäftsführende Gesellschafterin, Hotel Schindlerhof Nürnberg Totale Transparenz ist Trumpf Jedes neue Teammitglied erhält beim ersten Kontakt eine Zusammenfassung unserer Vision im Visitenkartenformat mit Statements auf einen Blick zu dem, was unseren Schindlerhof ausmacht. Während des Einstellungsprozesses sollte unter anderem das Wunschgehalt abgefragt werden. Falls es in den Lohnkorridor des Unternehmens passt, wird gezahlt, andernfalls nicht. Eine klare und offene Kommunikation ist hier besonders wichtig, Feilschen dagegen ein klares Tabu. Ein Unternehmen sollte seine Aufgabe nicht darin sehen, Teammitglieder zu motivieren – sondern bereits von vornherein auf Arbeitnehmer setzen, deren Antrieb von innen und aus Überzeugung statt durch äußere Reize kommt. Dieser Antrieb lässt sich dann durch Rituale der Wertschätzung noch steigern: Azubi-Welcome-Party, gemeinsame Kanutouren, Jahresauftaktfeier, Ausflüge mit Auszubildenden, Prämien für Führungspersönlichkeiten, die Finanzierung von Weiter- und Fortbildungsseminaren, I-Pads für alle, Online-Kommunikation vom Feinsten, zinsfreie Darlehen in Notfällen, Übernahme von Bürgschaften beim Kauf von Wohneigentum bei Führungskräften, die länger im Unternehmen sind, und vieles mehr. Totale Transparenz vom Umsatz bis zum Gewinn sorgt für spannenden Wettbewerb zwischen den Leistungsbereichen. Eine derart gestaltete Kultur zieht karriereorientierte Menschen an; solche mit freizeitorientierter Schonhaltung werden dagegen automatisch abgeschreckt. Jörg Zeyringer, Motivationspsychologe und Autor von „Wie Geld wirkt“ Geld macht glücklich Die Kultur an einem Arbeitsplatz bildet sich durch die Einstellungen und die daraus resultierenden Verhaltensweisen aus. Man denkt unweigerlich an Werte wie Vertrauen, Respekt und gute Führung, weniger an Bezahlung und Geld. Das hat seinen Grund: im in der Gesellschaft verankerten Denkschema, Geld würde nicht motivieren, Geld mache nicht glücklich bzw. sei nicht wichtig. Das halte ich für einen fatalen Irrtum. Kaum ein anderes Thema ist in Unternehmen so präsent. Dafür sorgen nicht nur Gespräche, sondern auch die sozialen Vergleiche, die in den Köpfen der Mitarbeiter vollzogen werden. Wer verdient wie viel? Wo stehe ich auf der Gehaltsskala? Natürlich sind die Auswirkungen des Gehalts kontextabhängig. In Unternehmen, die an der Wall Street ihr Geld verdienen, besteht die Arbeitsplatzkultur wohl nur aus der Forderung nach noch mehr Geld. Aber im Gesundheitswesen? Im Sommer 2013 wird in einem Krankenhaus den Mitarbeitern einer Station die Intensivzulage gestrichen. 180 Euro im Monat weniger. Die Auswirkungen: verstärkter Egoismus und schwindende Loyalität. Es wäre naiv zu glauben, dass sich dies nicht auf die Arbeitsplatzkultur auswirkt. Die Fokussierung auf die eigene Tätigkeit tritt in den Hintergrund, manchmal geht sie – zumindest temporär – ganz verloren. So bei Streiks im Frühjahr 2015: In Österreich gehen Ärzte auf die Straße, in Deutschland Lufthansapiloten. Weshalb? Mehr Gehalt!