+3 Magazin Mai 2013 - Page 8

8 Was bedeutet Inklusion? PLUS DREI MAI 2013 Etwa 104.000 Frauen mit Beeinträchtigung studieren derzeit an deutschen Hochschulen. Quelle: Weibernetz e.V. Foto aus dem Bildband AnderStark by Anastasia Umrik Fotografin/Copyright: Jessica Prautzsch In Verschiedenheit zusammenleben Die Bedeutung des Menschlichen Der phänomenale Erfolg des Films und des Buches „Ziemlich beste Freunde“ verdeutlicht, wie stark der Druck unserer Gesellschaft auf dem Einzelnen lastet. Der Zuschauer und Leser spürt, dass er einer Tyrannei von Effizienz und Normalität unterworfen ist, die seinen wahren Bedürfnissen nicht entsprechen. Ihm wird gegenseitig zu respektieren, können wir unsere Gesellschaft und damit unser Zusammenleben verändern. Erst wenn wir die Welt in ihrer Diversität und flüchtigen Realität wahrnehmen, unsere menschliche Natur anerkennen, können wir das Andere und die Anderen integrieren, achtsam und mit Rücksicht auf ihre Verletzlichkeit und Der Begriff der Inklusion wurde in seiner politischen Operationalisierung für Menschen mit Behinderung primär in der UN-Konvention verwendet. Zuschreibungen wie „normal“ und „abweichend“ sollen sich verlieren, da jeder Mensch individuell ist und nicht einfach integrierbar. Aus dieser von Blicken und Berührungen abgeschirmt werden kann. In diesem Sinne ist jeder Mensch seinen Mitmenschen ausgeliefert. So ist Verletzbarkeit eine grundsätzliche, allgemein menschliche Eigenschaft. Die Suche nach einer inklusiven Gesellschaft muss Prozesse einer tief gehenden Reflektion über das „Zufriedenheit und Teilhabe entstehen, wenn wir unser wahres menschliches Wesen annehmen.“ Philippe Pozzo di Borgo, ehemals Geschäftsführer Champagnes Pommery & Autor von „Ziemlich beste Freunde“ „Zuschreibungen wie ,normal‘ und ,abweichend‘ sollen sich verlieren.“ Gabriele Gün Tank, Integrationsbeauftragte Berlin Tempelhof-Schöneberg und Deniz Utlu, Autor & Publizist bewusst, dass er in ständiger Angst lebt, nicht genug Leistung zu erbringen, von der Norm abzuweichen und schließlich aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Zufriedenheit und Teilhabe können nur entstehen, wenn wir unser wahres menschliches Wesen annehmen. Wenn wir es als Gemeinschaft schaffen, uns gegen die Tyrannei der Ansprüche zu empören, uns aufeinander einzulassen und unsere Verschiedenheit und Verletzlichkeit Verschiedenheit. Gewaltsame Vereinheitlichungen und Normierungen können niemals ein offenes Miteinander erzeugen. Sie sorgen für soziale Spannungen und Elend. Das Bewusstsein und die Achtung für unsere Verschiedenheiten und Verletzlichkeiten müssen endlich ins Zentrum eines neuen Zusammenlebens rücken. Nur so finden wir zu einer offenen Gesellschaft, einem Leben im Einklang mit uns und unserer Welt. Perspektive lässt sich der gesellschaftliche Umgang mit Vielfalt im Allgemeinen von kulturalistischen und diskriminierenden Ansätzen entfernen und zu Überlegungen der Bedeutung des „Menschlichen“ tragen. Auch wenn es die Gefahr birgt, den überwundenen Gedanken der „Benachteiligtenförderung“ zu aktivieren. Eine vollständige Autonomie über den Körper, so Judith Butler, ist nicht möglich, weil er nicht Menschliche und der sich verändernden Bedeutung des Menschlichen mit aufnehmen. Die Frage kann nicht mehr lauten: Wer kennt sich besonders mit dem Werk Goethes aus (Integrationsprüfungen), sondern wie diejenigen besonders geschützt werden können, deren Verletzbarkeit in der Gesellschaft potenziert wird – ohne ihre (immer relative) Autonomie in Frage zu stellen.