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Martin Stockburger , Kardiologe und Sprecher Arbeitsgruppe Telemonitoring , Deutsche Gesellschaft für Kardiologie ( DGK )
Früh gegensteuern
Telemedizin hat erwiesene positive Effekte auf das Überleben und die Therapie chronisch kranker Herzpatienten . Darüber hinaus kann sie Patienten und Ärzte sowie Ärzte untereinander über räumliche Distanzen und Disziplinen hinweg verbinden und so eine ganzheitliche Versorgung ermöglichen . Ein sehr wichtiger Teilbereich ist das Telemonitoring . Es erlaubt die kontinuierliche Erfassung und Übermittlung von Vitalparametern mithilfe von externen oder implantierten Sensoren , zum Beispiel aus Rhythmusimplantaten oder Ereignisrekordern . Diese telemedizinischen Daten lassen sich online jederzeit abrufen und liefern wertvolle Hinweise auf gesundheitliche Veränderungen . Das ermöglicht es uns , frühzeitig gegenzusteuern , die Medikation anzupassen oder rhythmuserhaltende Maßnahmen zu ergreifen . Durch das engmaschige Telemonitoring gelingt es uns häufig , die Lebensqualität der Patienten zu verbessern , Klinikaufenthalte zu vermeiden und Leben zu verlängern . Daher hat der Gemeinsame Bundesausschuss , das oberste gesundheitspolitische Entscheidungsgremium Deutschlands , im Dezember 2020 bestimmt , dass schwerkranken Herzschwächepatienten künftig eine reguläre telemedizinische Betreuung durch die Krankenkasse ermöglicht werden muss . Die Telemonitoring- Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie erarbeitet derzeit konkrete Qualitätskriterien , um der Umsetzung der telemedizinischen Betreuung im klinischen Alltag einen strukturierten Rahmen zu geben .
Dierk Neugebauer , Vice President Market Access Germany , Bristol Myers Squibb
Intelligent verknüpft
DIES IST EINE GESPONSERTE ANTWORT , ALSO EINE ANZEIGE
Gesundheitsdaten sind der Treibstoff medizinischer Innovation – nicht zuletzt im Kampf gegen Krebs und seltene Erkrankungen . Doch wir müssen die Chancen der Digitalisierung auch konsequent nutzen . Neue Technologien wie die Künstliche Intelligenz können uns zum Beispiel helfen , innerhalb großer Datenmengen zentrale Zusammenhänge aufzuspüren : Welchen Patientinnen und Patienten hat ein Arzneimittel geholfen und welchen nicht ? Welche Biomarker haben alle Betroffenen gemeinsam ? Genom-Analysen und KI-basierte Therapieinstrumente für Diagnose und Verlaufskontrolle
Lea Winter , Leserin
Virtuelle Couch
Als Digital Native bin ich es gewöhnt , vor dem Rechner zu sitzen , den Bildschirm anzustarren und virtuell zu kommunizieren . Während des Studiums hauptsächlich , um mit meinen Eltern und Freunden zu Hause zu skypen , später auch für Vorstellungsgespräche oder Videokonferenzen . Nach Ausbruch der Pandemie und plötzlicher Arbeitslosigkeit hatte ich eine depressive Episode und begann eine Therapie per Videosprechstunde . Ich war schon vor der Sitzung hellauf von der Idee begeistert , meine Therapie fortsetzen zu können , ohne Ansteckungsgefahr auf beiden Seiten . Technische Schwierigkeiten traten selten auf , tatsächlich fiel es mir anfangs aber schwer , Vertrauen in mein Gegenüber zu fassen . Nach einem Jahr Sitzungen per Videosprechstunde war
KOMPLEXE AUFGABE Die größten Hindernisse für den E-Health-Einsatz
Komplexität des Gesundheitssystems
Zu hoher Aufwand für IT-Sicherheit und Datenschutz
Mangelnde Marktreife der digitalen Anwendungen
Zu starke Regulierung des Gesundheitssektors
Mangelnde Digitalkompetenz der Patienten
Mangelnde Abrechenbarkeit digitaler Dienstleistungen
Mangelnde Digitalkompetenz der Ärzte
Umfrage unter 528 Ärzten , Februar 2021
können die Früherkennung und Behandlung optimieren und die Prognose für Betroffene verbessern . Die Verfügbarkeit von Gesundheitsdaten muss – unter Einhaltung höchster Standards in Sachen Datensicherheit und Patientenzentrierung – auch in Deutschland als Lösungsansatz für eine verbesserte medizinische Versorgung verstanden werden . Aktuell fehlt es hier noch an einer Gesamtstrategie . Anonymisierte Gesundheitsdaten liegen zwar bei Versicherungen , Kliniken oder in der Forschung vor , aber sie können noch nicht ausreichend miteinander verknüpft und zusammen ausgewertet werden . In Skandinavien , Großbritannien oder Israel ist man da schon weiter . Dort werden die Daten zentral gespeichert . Sie sind dadurch besser miteinander vernetz- und nutzbar – vor allem , wenn sie Gesundheitsversorgern und der Forschung zur Verfügung gestellt werden . Deutschland darf hier nicht den Anschluss verlieren . ich zum ersten Mal bei meiner Therapeutin in der Praxis . Uns beiden ist klar , dass eine Videosprechstunde den direkten Kontakt nicht ersetzen kann . So erzählte sie zum Beispiel , dass ihr bei den Online-Sitzungen der Gesamteindruck fehle . Mir hingegen fiel es anfangs schwer , mich zu öffnen . Ich bin heilfroh , dass ich während der Pandemie auf dieses Instrument zurückgreifen konnte .
Ulla Herrmann , Leserin
Vorsicht Falle
Neben all den Vorteilen , die E-Health bietet , dürfen die Schattenseiten nicht vergessen werden . Es ist ein offenes Geheimnis , dass die Arbeitsmoral in Deutschland nachgelassen hat und der Weg zum Arzt schnell mal eingeschlagen wird . Wie läuft das digital ? Wird es einfacher gemacht , blau zu machen , um das Wochenende zu verlängern ?
43 %
56 %
54 %
Irene Mahr , Leserin
65 %
72 %
78 %
Viele Fragezeichen
84 %
Quelle : bitkom
Auf den ersten Blick eine großartige Idee : Alle wichtigen Angaben sind in einer elektronischen Patientenakte zusammengeführt , keine zeitraubende Mehrfacherhebung ist mehr nötig . Aber welchen Umfang werden die gespeicherten Daten haben ? Ich finde es eine unbehagliche Vorstellung , dass sensible Gesundheitsdaten irgendwo in einer Cloud herumgeistern , dem Zugriff von Hackern ausgesetzt und von Datenpannen bedroht . Man könnte hier einwenden : Wer sollte sich schon für Krankheiten unbedeutender Bürgerinnen und Bürger interessieren ? Denkt man aber etwa an die Versicherung , die Bank , die Hausvermietung , den Arbeitgeber , schürt das Ängste . Fürs Erste , denke ich , sind Befunde im Stahlschrank des Hausarztes sicherer aufbewahrt .
Helmut Karas , Leser
Strategie entscheidet
E-Health-Anwendungen können noch so sinnvoll oder wünschenswert sein : Nur wenn ein hohes Maß an digitaler Kompetenz bei den Anbietern besteht , werden die Angebote von den Kunden gewollt , gesucht , gefunden und verstanden . Denn diese suchen nach ihrer eigenen Logik . Wer Erfolg mit seinem Angebot in der Gesundheitswelt haben möchte , muss über dieselben Touchpoint Experiences kompetent Bescheid wissen , wie in jeder anderen Branche . Denn die Kunden wählen ihren Weg . Ist der Weg unattraktiv , wird er nicht genutzt . Digitale Technologien müssen dort , wo die Entscheidungen getroffen werden , die richtigen Eindrücke erzeugen , sonst wird das so erfolglos wie Appelle an „ mehr Bewegung “ oder Hinweise zu „ gesünderer Ernährung “. In der breiten Masse ist die Beschreibung des richtigen Weges keine effektive Strategie . In Branchen mit riesigen Budgets ist Strategie mehr als die halbe Miete .
Anke Diehl , Leiterin Stabsstelle Digitale Transformation , Universitätsmedizin Essen
Mehr Zeit für Patienten
In Summe geht es darum , die Digitalisierung dazu zu nutzen , die Medizin wieder empathischer zu gestalten . Wir müssen dafür sorgen , dass das Personal im Gesundheitswesen von administrativen Aufgaben entlastet wird und wieder mehr Zeit für den direkten Patientenkontakt hat . Hierin besteht eine große Chance digitaler Technologien . Wenn mehr Arbeitszeit wieder dem Menschen statt dem hohen Verwaltungsaufwand gewidmet werden kann , könnte auch der Pflegeberuf wieder attraktiver für potenzielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden , die nah am Menschen und nicht nah am Papier arbeiten möchten . Zugleich stehen immer mehr Gesundheitsdaten zur Verfügung , deren enormes Potenzial zur Verbesserung der Patientenversorgung noch nicht genutzt wird . Intelligent ausgewertet , lässt sich mithilfe dieser Daten eine personalisierte gesundheitliche Früherkennung , Diagnostik , Behandlung und Nachsorge entwickeln . Die Corona-Pandemie hat uns sehr deutlich vor Augen geführt , wie wichtig eine gute Telematikinfrastruktur doch ist . Sie hat aber leider auch gezeigt , dass Deutschland hier noch hinterherhinkt . Noch immer ist das Papierrezept der Standard – selbst für die Verschreibung von Gesundheits-Apps und telemedizinischen Angeboten . Es gibt also noch einiges zu tun . Aber es steht völlig außer Frage , dass in Digital Health der Schlüssel zur empathischen Zukunftsmedizin des 21 . Jahrhunderts liegt .